WirtschaftsBlatt Kommentar vom 3.12.2004:TA: Das Glück des richtigen Zeitpunkts - von Herbert Geyer

Wien (OTS) - Man kann ja nicht behaupten, dass die Regierung mit
dem Timing ihrer Privatisierungsaktionen immer eine wirklich gute Hand bewiesen hat. So hat sie die erste Tranche der Telekom just zu jenem Zeitpunkt an die Börse gebracht, als weltweit Telekom-Aktien in den Keller fuhren. Der Effekt: Die Aktien mussten deutlich unter ihrem Wert verkauft werden. Und was als Einstieg in eine echte Volksaktie gedacht war, schreckte investitionswillige Normalbürger auf Jahre hinaus ab, weil die Aktie ziemlich lange benötigte, um wenigstens ihren IPO-Kurs wieder zu erreichen. Die Idee, die Vollprivatisierung der Voestalpine ausgerechnet mitten im oberösterreichischen Wahlkampf durchzuziehen, war ebenfalls kein Meisterstück und minderte den Privatisierungserlös entsprechend. Auch die Absicht, 17 Prozent der Telekom ausgerechnet zu jenem Zeitpunkt zu Geld (zu viel Geld: 1,1 Milliarden Euro soll der Verkauf bringen) zu machen, als auch die OMV via Kapitalerhöhung und Wandelanleihe eine Milliarde Euro von der Börse abschöpft, sah auf den ersten Blick frivol aus. Der Markt signalisiert allerdings, dass diese gut zwei Milliarden auch kurzfristig aufzubringen sind: OMV hielt sich gestern trotz Ölpreisverfall in der Nähe ihres historischen Höchststandes, die Telekom legte während der Verkaufsaktion sogar noch zu und notierte über dem Preis für den Blocktrade. Das hat neben fundamentalen Gründen - beide Aktien profitieren von der Aufstockung des Streubesitzes durch die Gross-Transaktionen - eine schlichte Ursache: Der Wiener Markt schwimmt derzeit offenbar im Geld. Das hängt einerseits mit der Pensionsvorsorge zusammen, die gegen Jahresende hin verstärkt gezeichnet wird und diese zusätzlichen Gelder in die Börse pumpen muss. Andererseits dürfte es in den letzten Monaten eine Umorientierung der internationalen Geldströme gegeben haben: Da der fallende Dollar Anlagen in den USA immer weniger attraktiv erscheinen läst, fliessen offenbar Anlegergelder aus aller Welt - vor allem aus Asien - verstärkt auf den europäischen Markt (was notabene den Dollar zusätzlich unter Druck bringt und den europäischen Börsen zu einer Hausse verhilft, die angesichts des hohen Ölpreisniveaus und der Dollarschwäche eigentlich nicht logisch wäre). Uns soll’s Recht sein. Immerhin ist es dadurch gelungen, endlich einmal für eine Privatisierung eine angemessene Gegenleistung in den leeren Staatssäckel zu bekommen.

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