WirtschaftsBlatt Kommentar vom 2.12.2004: Zahlen Konzerne lieber Steuer? - von Peter Muzik

Wien (OTS) - Die Welt steht, hat schon Johann Nestroy gedichtet"
auf kan Foi mehr laung" und Österreich offenbar auch nicht: das könnte irgendwie mit dem Finanzminister zu tun haben, der Stoff für unzählige Nestroy-Couplets bietet. Man muss weder Alfred Gusenbauer noch Fritz Verzetnitsch heissen, um die grauenhafte Entdeckung zu machen, dass Karl Heinz Grasser bisweilen mit sonderbaren Ideen aufwartet: Vorige Woche hat der so wie seine Budgets stets unberechenbare Politiker doch allen Ernstes vorgeschlagen, im Grunde genommen sogar angedroht, dass Österreichs Kellner und Kellnerinnen ihr Trinkgeld künftig versteuern sollten. Dem Minister ist im konkreten Fall eine simple Therapie anzuraten: Er sollte sich einmal mit einem Kellner, der monatlich bestimmt kein Eckhaus verdient, darüber unterhalten, wie es dem mit reduziertem Schmattes so ginge. Weiters sollte Grasser ein wenig in ein unlängst erschienenes Buch reinschauen, das eine wenig überraschende These vertritt: Die Autoren Hans Weiss und Ernst Schmiederer untermauern in "Asoziale Marktwirtschaft" die plakativ formulierte Ansicht, dass Konzerne meistens nicht viel bis nix an den Fiskus abliefern. Sie bieten dazu etliche Beispiele auf, meist aus dem Nachbarland: So etwa beträgt die Steuerleistung der Volkswagen AG lediglich 0,4 Prozent vom Umsatz, die DaimlerChrysler AG zahlt bloss 0,7 Prozent und die Siemens AG begnügt sich mit 1,2 Prozent. Der Düsseldorfer Energieriese E.ON wiederum liefert 2,5 Prozent vom Umsatz ab, hat aber die Belegschaft in den vergangenen neun Jahren auf 66.500 Mitarbeiter reduziert und damit halbiert. Unilever Deutschland schliesslich kommt auf 3,6 Prozent das macht immerhin 1,5 Milliarden Euro , aber auch sie hat seit 1995 mehr als 60.000 Mitarbeiter abgebaut. Fazit der Autoren:
"Internationale Grosskonzerne zahlen trotz immenser Gewinne kaum noch Steuern und bereichern sich zusätzlich an Milliardensubventionen des Staates". In Österreich haben Konzerne ebenfalls einen riesigen Gestaltungsspielraum, um die Steuerleistung nicht ausufern zu lassen, jede Menge Privilegien, und sie nützen die Steuerschlupflöcher naturgemäss auch weidlich, was noch nichts Unanständiges ist. Angesichts dieser Fakten sollte Grasser justament zu Kellnern und Kellnerinnen nicht so brutal sein. Schliesslich hat er selbst dereinst von der Industriellenvereinigung eine Art Trinkgeld erhalten, das nicht versteuert werden musste.

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