Platter: Innenhof des Verteidigungsministeriums wird in Carl-Szokoll-Hof benannt

Gedenkveranstaltung im Frühjahr 2005

Wien (OTS) - Im folgenden die Rede von Verteidigungsminister Günther Platter anläßlich des Symposiums "Der Ruf des Gewissens" an der Landesverteidigungsakademie von heute Mittwoch:

Sehr geehrter Herr Bischof!
Sehr geehrte Generalität!
Sehr geehrte Damen und Herren!
Das Österreichische Bundesheer hat sich im heurigen Jahr mit der Thematik des Widerstandes im Militär sehr vielfältig und in die Tiefe gehend auseinander gesetzt. Ich bin überzeugt, dass sich alle Soldatinnen und Soldaten - egal ob sie Befehle empfangen oder erteilen - wiederholt mit der Frage beschäftigen müssen, wie sie selbst mit dem Ruf des Gewissens umgehen.
Wir haben für dieses Symposium sehr bewusst diesen Titel "Der Ruf des Gewissens" gewählt. Die Frage nach Moral und Gewissen muss nämlich immer wieder aufs Neue gestellt werden. Das Attentat auf der Wolfsschanze vom 20. Juli 1944 wird manchmal auch als ein "Aufstand des Gewissens" bezeichnet und bildet daher einen wichtigen Bezugspunkt, wenn heute Widerstand und Gewissen diskutiert werden. Das Jahr 2004 ist ein Gedenkjahr. Vor 60 Jahren nämlich haben hochrangige Offiziere ein Attentat auf Adolf Hitler geplant, durchgeführt und sie sind letztlich dabei gescheitert. In die Attentatspläne waren auch zwei Offiziere aus Österreich eingeweiht:
Oberstleutnant im Generalstab Robert Bernardis, der in Innsbruck geboren ist und Adjutant von Claus Graf Schenk von Stauffenberg war. Der damalige Hauptmann Carl Szokoll, der nach dem Attentat die "Operation Walküre" durchführen sollte und der aufgrund seiner Leistungen im April 1945 als "Retter von Wien" bezeichnet wird. Bereits im Mai habe ich daher die Ausstellung "Tyrannenmord - der 20. Juli 1944 und Österreich" eröffnet. Ich wollte, dass dieses Thema zum 60. Jahrestag der "Operation Walküre" auch in Österreich diskutiert wird. Die Ausstellung "Tyrannenmord" war die erste ihrer Art, die den moralischen Widerstand gegen das verbrecherische NS-Regime dokumentiert. Erstmals hat es eine Ausstellung gegeben, die auch die Rolle der Österreicher, die an diesem Attentat beteiligt waren, beleuchtet hat.
Ich darf in diesem Zusammenhang zwei Punkte erwähnen, die mich sehr bewegt haben:
Zum einen habe ich am 11. Mai, bei der Eröffnung der Ausstellung, Carl Szokoll persönlich kennen lernen dürfen. Es war für mich ein beeindruckender Moment, einen Mann mit dieser Geschichte, aber vor allem mit diesem Mut, zu begegnen und mit ihm zu reden. Als ich im August vom Ableben Szokolls erfahren habe, hat mich das sehr berührt - umso mehr, als wir beide bereits einen Termin für ein weiteres Treffen Anfang September vereinbart hatten.
Zum anderen war es der gemeinsame Besuch der Ausstellung zusammen mit den Abgeordneten des Bundesrates am 3. September. Es war ein starkes Zeichen, dass wir gemeinsam durch diese Ausstellung gegangen sind und ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal bei den Bundesratsabgeordneten für dieses Interesse bedanken.
Wir hatten im Juli eine sehr intensive Diskussion darüber, in welcher Form wir Widerstandskämpfer aus Österreich würdigen. Oberstleutnant im Generalstab Robert Bernardis, der 1932 in Enns als Offizier des Österreichischen Bundesheeres ausgemustert wurde, war am Attentat auf Hitler beteiligt. Seinen Einsatz hat er mit dem Leben bezahlt.
Wir haben ihm ein Denkmal gesetzt - ganz bewusst in Enns, weil dieser Ort eng mit Robert Bernardis verbunden ist. Und ich habe mich sehr darüber gefreut, dass an dieser Gedenkveranstaltung auch die Witwe und die Kinder des Widerstandskämpfers, die für seinen Mut alle sehr schwer haben büßen müssen, teilgenommen haben.
Das Denkmal für Robert Bernardis ist zweifellos auch ein Zeichen der Ohnmacht. Es ist ein Ersatzgrab, denn die Nationalsozialisten haben jedes Zeichen, das an die Widerstandskämpfer hätte erinnern können, vernichtet oder erst gar nicht zugelassen. Dieses Zeichen der Ohnmacht bezieht sich aber nicht nur auf Bernardis, sondern es ehrt den Widerstand gegen den verbrecherischen Nationalsozialismus grundsätzlich und über eine Einzelperson hinaus.
Ich habe außerdem die Landesverteidigungsakademie und Univ. Prof. Manfried Rauchensteiner, den Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums, ersucht, dieses zeithistorische Symposium zu veranstalten. Dieses Symposium unter dem Titel "Der Ruf des Gewissens" ist ein bedeutender Beitrag, wenn es darum geht, die Rolle der Soldaten aus Österreich im Widerstand gegen Hitler sensibel aufzuarbeiten.
Diese drei Initiativen sind mir ein wichtiges Anliegen, weil der Nationalsozialismus zu den dunkelsten Kapiteln in der österreichischen Geschichte zählt. Mit der Ausstellung "Tyrannenmord", mit dem Denkmal und mit diesem Symposium schaffen wir es außerdem, dass wir die Rolle von Soldaten aus Österreich im Widerstand gegen Hitler symbolisch würdigen.
Ich will an dieser Stelle aber auch herausstreichen, dass Widerstandskämpfer nicht erst heuer in die Traditionspflege des Österreichischen Bundesheeres aufgenommen worden sind. Es hat im Bereich des Bundesheeres schon vorher Gebäude und Denkmäler gegeben, die besondere Menschen hervorheben, weil sie ihrem Gewissen gefolgt sind.
Die Biedermann-Huth-Raschke-Kaserne erinnert seit 1967 an Major Karl Biedermann, Hauptmann Alfred Huth und Oberleutnant Rudolf Raschke. Diese drei Offiziere sind im April 1945 von den Nationalsozialisten hingerichtet worden, weil sie gegen ihre Befehle an der gewaltlosen Befreiung Wiens mitgewirkt hatten.
Die Towarek-Schulkaserne in Enns erinnert an Generalmajor Rudolf Towarek, der sich 1938 geweigert hat, den Eid auf Hitler zu sprechen. Außerdem befindet sich am Fliegerhorst Nittner in Graz ein Denkmal, das an den gebürtigen Grazer Oberstleutnant Josef Ritter von Gadolla erinnert. Gadolla wurde 1945 von den Nationalsozialisten standrechtlich erschossen, da er als zuständiger Stadtkommandant von Gotha in Thüringen durch das Hissen weißer Fahnen die Stadt kampflos den amerikanischen Truppen übergeben hatte.
Wie haben wir uns zu verhalten, wenn uns der "Ruf des Gewissens" ereilt?
Das ist die Frage, mit der wir uns an diesen beiden Tagen intensiv auseinander setzen wollen. Gerade im Bereich des Militärs stellt uns diese Frage vor besondere Herausforderungen, weil einerseits das Gewicht eines Befehls und andererseits die Bedeutung von Moral und Gewissen bedacht werden müssen.
Die Soldaten der deutschen Wehrmacht - und damit auch die Soldaten aus Österreich - haben ihren Eid auf Hitler geschworen. Es war ein Schwur, der sie persönlich mit Hitler verband. Das Ziel dieses Eides ist es gewesen, dass sich jeder Soldat durch diesen Schwur bedingungslos der Verfügungsgewalt des Führers unterwirft.
Hatten die Verschwörer das Recht, den Fahneneid zu brechen? "Wenn die Staatsgesetze sich offen gegen das göttliche Recht auflehnen, dann ist Widerstand Pflicht." Das hat Papst Leo XIII. schon viele Jahrzehnte vor den Gräueln des Nationalsozialismus festgestellt. Die Gewissenskonflikte, die der Eid auf der einen und die persönliche Situation des Einzelnen auf der anderen Seite auslösten, können heute kaum nachvollzogen werden. Jene Soldaten, die sich vom verbrecherischen Regime des Nationalsozialismus abgewandt haben, standen im Zwiespalt zwischen Fahneneid und ihrem Gewissen. Diese innere Gespaltenheit, oder noch viel mehr Zerrissenheit, machte für viele den aktiven Schritt weg vom Regime in den Widerstand zum unüberwindbaren Hindernis.
Aus heutiger Sicht und in Kenntnis der Geschichte des Dritten Reiches ist es uns schwer verständlich, warum sich Millionen Soldaten bis zum bitteren Ende des Krieges an ihren Eid gebunden fühlten. Viele hatten aber auch gar nicht die Möglichkeit zur Einsicht. Sie konnten diese Einsicht auch nicht haben, weil das diktatorische Regime mit Propaganda zudeckte, was unmenschlich war.
Es gibt da aber einen zentralen Satz von Peter Sauberbruch, der aus dem gleichen Regiment wie Claus Graf Schenk von Stauffenberg stammte und in die Attentatspläne eingeweiht war.
"Die Möglichkeit, als Verräter in die Geschichte einzugehen, wird nur von dem ertragen werden, der mit sich und seinem Gewissen absolut im Reinen ist."
Sauerbruch beschreibt in einem einzigen Satz, welche Konflikte im Inneren überwunden werden mussten, bevor der Schritt in den Widerstand überhaupt aktiv gesetzt werden konnte - ein Schritt, der durch den belastenden Druck des Eides besonders schwer gefallen ist. Die Attentäter vom 20. Juli 1944 mussten sich absolut im Klaren darüber sein, wo sie mit ihrem Gewissen stehen. Sie mussten zuerst für sich selbst eine Lösung finden, wie sie mit dem Ruf des Gewissens und dem Eid auf Hitler umgehen.
Wir müssen uns an dieser Stelle auch bewusst machen, dass für eine derartige Entscheidung wichtige Einblicke in das nationalsozialistische Verbrechensregime notwendig waren. Nationalratspräsident Dr. Andreas Khol hat bei der Gedenkveranstaltung in Enns über Robert Bernardis gesagt: "Sein Gewissen machte ihm den Tyrannenmord zur Pflicht. Er hatte durch seine Stellung und seine Erfahrung die Einsicht und Möglichkeit zur Tat. Vielen Millionen anderen fehlte beides, musste beides fehlen. Ihre vielfach erzwungene Pflichterfüllung in der Wehrmacht darf daher in ihrem persönlichen Wert nicht geschmälert werden, darf ihnen nicht zum Vorwurf gemacht werden."
Der Tyrannenmord erfordert viel Mut sowie ein klares, starkes Gewissen. Es ist daher ganz sicher ein sehr schwieriger Weg zurückzulegen, bis man das eigene Gewissen trotz eines Eides als das Höhere anerkennt. Denn dieser Schritt war wohl die schwierigste Hürde.
Wie ist mit Widerstand im Militär umzugehen?
Diese Frage zählt sowohl für Befehlsempfänger als auch für Befehlsgeber zu den schwierigsten überhaupt. Doch gerade die schwierigen Fragen verlangen klare Antworten.
Die Erkenntnisse aus dem 2. Weltkrieg und die Erfahrung, wie sich Hitler und sein Regime diesen persönlichen Eid zu Eigen machten, haben in der österreichischen Gesetzeslage wichtige Spuren hinterlassen.
Es gibt in der Allgemeinen Dienstvorschrift für das Bundesheer einen Passus, der Widerstand vorschreibt, wenn ein Befehl gegen strafgesetzliche Vorschriften verstößt. Ich bin also sehr froh darüber, dass es für diese schwierige Frage eine klare Regelung gibt. "Befehle, deren Befolgung gegen strafgesetzliche Vorschriften verstoßen würde, sind nicht zu befolgen", heißt es in der Bestimmung des §7, Abs. 2 der Allgemeinen Dienstvorschrift für das Bundesheer. Im Österreichischen Bundesheer wird somit unter gewissen Umständen der Widerstand zur Pflicht.
Diese Verpflichtung zum Widerstand können wir von unseren Soldaten verlangen, denn das Selbstverständnis der österreichischen Soldatinnen und Soldaten geht von einem anspruchsvollen Menschenbild aus: Eine freie Person mit einer unveräußerlichen Würde. Soldatinnen und Soldaten des Österreichischen Bundesheeres sind pflichtbewusste Demokraten mit politischer Reife und in Kenntnis ihrer Rechte und Pflichten. Sie sind nicht nur für sich selbst verantwortlich, sondern der Gemeinschaft verpflichtet. Jede Soldatin, jeder Soldat muss wissen und verstehen, wofür sie oder er ausgebildet und gegebenenfalls eingesetzt wird. Sie sollen überzeugt sein, dass ihr Auftrag politisch notwendig, militärisch sinnvoll und moralisch begründet ist.
Zu Beginn habe ich darauf hingewiesen, dass dieses Jahr ein Gedenkjahr ist. 2004 ist für das Österreichische Bundesheer ein Jahr, in dem wir uns ganz bewusst mit Widerstand im Militär beschäftigen. Wir haben mit dem Denkmal für Robert Bernardis den Widerstand gegen das nationalsozialistische Unrechtsregime grundsätzlich gewürdigt. Es war eine beeindruckende Gedenkveranstaltung, die durch die Anwesenheit des Bundespräsidenten und des Präsidenten des Nationalrates besondere Würde erhalten hat. Das Bernardis-Denkmal erfüllt mich auch mit Stolz, weil damit das Bundesheer und die Republik Österreich ausdrücken, dass sie sich zum Aufstand des Gewissens vom Juli 1944 bekennen.
Wenn wir jene Menschen würdigen, die Widerstand gegen Hitler ausgeübt haben, dann wollen wir aber diejenigen, die diesen Weg nicht gewählt haben, nicht verurteilen.
Auf diesen wichtigen Aspekt hat auch Bundespräsident Dr. Heinz Fischer hingewiesen, als er bei der Gedenkveranstaltung für Robert Bernardis sagte:
"Wenn wir heute Männer und Frauen ehren, die sich während der NS-Diktatur in der auf den Führer vereidigten deutschen Wehrmacht zum Widerstand entschlossen haben, dann heißt das nicht, dass wir damit jene verurteilen oder in pauschaler Weise herabsetzen, die diesen Schritt in den Widerstand nicht gesetzt haben."
Ich spüre, dass das Jahr 2004 im Österreichischen Bundesheer sehr viel bewegt hat. Wir haben einen wesentlichen Schritt nach vorne gemacht, weil wir in den vergangenen Monaten gelernt haben, drei wesentliche Dinge zu vereinen.
Die respektvolle Erinnerung an alle Opfer des 2. Weltkrieges und des Nationalsozialismus
Die würdigende Verneigung vor den Widerstandskämpfern
Das ehrende Andenken an die Soldaten, die im 2. Weltkrieg in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht gekämpft haben oder sogar dabei gefallen sind.
Das ist für mich ein sehr bedeutsames und schönes Ergebnis nach einem intensiven und mitunter schwierigen Diskussionsprozess.
Ich darf an dieser Stelle allen danken, die am Zustandekommen dieses Symposiums mitgewirkt haben. Insbesondere Herrn Direktor Rauchensteiner und der Landesverteidigungsakademie. Aber natürlich gilt mein Dank auch allen Experten, die bereits gestern mit ihren Vorträgen beigetragen haben, die Thematik des Widerstandes sensibel aufzuarbeiten. Beziehungsweise gilt mein Dank natürlich auch jenen Vortragenden, die heute mit ihren Beiträgen an der Reihe sind.
2005 ist für Österreich ein historisches Jahr. Wir wollen uns im kommenden Jahr über wichtige Ereignisse in der Geschichte unseres Landes Gedanken machen. Wir alle kennen diese historischen Meilensteine Österreichs, die 2005 zum "Gedankenjahr" machen.
60 Jahre II. Republik
50 Jahre Staatsvertrag
10 Jahre Mitgliedschaft in der EU
Im Frühjahr nächsten Jahres sollten wir aber auch innehalten, weil dann ein wesentliches Ereignis 60 Jahre zurückliegen wird. Im Frühjahr 1945 sollte Wien nach dem Plan der Nationalsozialisten zerstört werden - die Politik der verbrannten Erde. Es gab aber mutige Offiziere, die gegen die Befehle eine gewaltlose Befreiung Wiens planten.
Drei von ihnen wurden verraten, von Standgerichten zum Tod verurteilt und am 6. bzw. 8.April in Floridsdorf "Am Spitz" öffentlich gehängt. Die Biedermann-Huth-Raschke-Kaserne erinnert an sie.
Major Carl Szokoll, der schon im Jahr zuvor am Attentat gegen Hitler mitbeteiligt war und von den Nationalsozialisten durch glückliche Umstände nicht entdeckt wurde, bewies auch 1945 Mut und wirkte als Hauptperson an der gewaltfreien Übergabe Wiens mit.
Carl Szokoll, der Retter Wiens, ist heuer im August verstorben. Ich denke, auch er hätte gerne erlebt, wie wir 60 Jahre nach der Befreiung Wiens innehalten und gedenken.
Wir können aber ein Zeichen setzen und zeigen, dass wir Carl Szokoll für seine Leistungen sehr dankbar sind. Ich habe daher beschlossen, im Frühjahr 2005 - aus Anlass "60 Jahre Befreiung Wiens" im Verteidigungsministerium eine Gedenkveranstaltung abzuhalten. Der neu renovierte Innenhof des Ministeriums soll dabei in Carl-Szokoll-Hof benannt werden. Dabei soll auch der Widerstand gegen den Nationalsozialismus insgesamt gewürdigt werden.
Ich bin überzeugt, dass wir damit einen weiteren wichtigen Beitrag leisten können um die Rolle der Widerstandskämpfer aus Österreich aufzuarbeiten und zu würdigen.

Rückfragen & Kontakt:

Mag. Martin Brandstötter
Bundesministerium für Landesverteidigung
Pressesprecher des Verteidigungsministers
Tel: +43 1 5200-20215
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