"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der "Fall Yasemin" zwischen Rechtsstaat und Bauchgefühl" (von Doris Piringer)

Ausgabe vom 01.12.2004

Graz (OTS) - Wieder steht ein Kind im medialen Blitzlicht eines Sorgerechtsstreites, wieder wurde ein Kind gegen den Willen eines Elternteiles zum anderen gebracht. Zu Jahresbeginn schlug der "Fall Christian" hohe Wellen der Empörung, und das vor allem deshalb, weil der achtjährige Bub vor laufender Fernsehkamera mit erheblicher Gewalt in ein Auto gezerrt worden war.

Etwas anders jetzt der "Fall Yasemin": Die Fernsehkameras wurden erst Stunden später aktiviert, nämlich dann, als das sechsjährige Mädchen schon längst mit seinem Vater auf dem Weg in die Türkei war. Eine Gerichtspsychologin begleitete das Kind von Beginn an, von einer Gegenwehr des Mädchens ist nichts bekannt.

Und trotzdem: Der Unmut vieler Menschen ist nicht zu überhören. "Wie kann man dieser Mutter nur das Kind wegnehmen?", fragen sie und die Antwort ist, wie so häufig, nicht einfach. Die rechtliche Seite ist leicht erklärt: Nach dem Haager Übereinkommen darf kein Kind ohne Willen des Partners in ein anderes Land gebracht werden - tut man es trotzdem, gilt das als Entführung und das Kind muss, wie es heißt, "rückgeführt" werden. Genau das ist mit Yasemin - sie ist auch türkische Staatsbürgerin - geschehen. Die Mutter kam mit dem Kind gegen den Willen des Vaters nach Österreich.

Drehen wir den Fall doch einmal um: Was wäre geschehen, wenn der Vater mit Yasemin von Österreich in seine Heimat geflüchtet wäre? Der Aufschrei hierzulande, da müssen wir nicht sehr prophetisch sein, wäre noch viel lauter gewesen. Und wie heftig hätten wir auf das Recht gepocht, dass das Kind umgehend mit dem nächsten Flugzeug zurück nach Österreich gebracht werden müsse. In einem Rechtsstaat -wie Österreich - ist das Gesetz nun einmal Grundlage für solche Entscheidungen und den Richtern a priori zu unterstellen, das Kindeswohl wäre ihnen ob der Paragraphen egal, entspricht nicht den Fakten.

Selbstverständlich ist im Haager Übereinkommen auch zwingend vorgeschrieben, dass das Risiko körperlicher und seelischer Schäden für das Kind abzuwägen ist. Naturgemäß geschieht das mit Hilfe von Psychologen und es ist programmiert, dass sich jener Partner aufbäumt, dem das Kind nicht zugesprochen wird.

In Wahrheit, und das müssen wir bitte zur Kenntnis nehmen, kennen wir die Hintergründe dieses Falles viel zu wenig. Es ist auch gut so, dass der private Streit dieses Paares hinter dem Vorhang bleibt. Im Zweifelsfall ist der Entscheidung eines Gerichtes zu trauen - und nicht einem vagen Bauchgefühl. ****

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