WirtschaftsBlatt Kommentar vom 1.12.2004: Die Wunschliste ans Christkind ist zu teuer

Von Herbert Geyer

Wien (OTS) - Die Aufregung um eine mögliche Karriere der ÖBB als Bauunternehmen hat sich ja relativ rasch gelegt, was nicht weiter verwunderlich ist: Natürlich kann ein solches Unterfangen nur gelingen, wenn die Bahn eine eigene Bau-Tochter gründet, die sich an die gleichen Spielregeln hält wie alle anderen Bauunternehmen des Landes auch. Und damit bleibt von der allgemeinen Aufregung nur übrig, dass die etablierten Bauindustriellen des Landes - no na -keine rechte Freude mit einer zusätzlichen Konkurrenz haben.

Schon verwunderlicher ist, dass eine andere Meldung zum Thema ÖBB und Bau keine derartige Aufregung hervorgerufen hat: Denn wesentlich dramatischer als die Pläne der ÖBB für ein Bauunternehmen ist die späte Erkenntnis von Verkehrsminister Hubert Gorbach, dass die Verwirklichung der im Gesamtverkehrsplan zusammen gefassten Wunschliste ans Christkind doppelt so viel kosten wird wie bisher offiziell zugegeben. Als nicht mehr wirklich-Neuling in der Politik müsste Gorbach wissen, dass wirtschaftlich unsinnige Monsterprojekte wie Koralm-Bahn, Brenner-Basistunnel oder Lainzer Tunnel (und da darf er getrost die von ihm kürzlich exhumierte Transrapid-Idee auch noch dazu zählen) überhaupt erst dadurch politisch beschlussfähig werden, dass ihre Kosten anfangs verniedlicht werden. Kein denkender Mensch würde schliesslich sehenden Auges sieben oder mehr Milliarden Euro hinaus schmeissen, um eine Bahnverbindung zwischen europäischen Metropolen der Grössenklasse von Graz und Klagenfurt zu errichten, oder zehn und mehr Milliarden, um die Brenner-Bahn, deren Auslastung seit Jahren bei 50 Prozent stagniert, durch einen Super-Tunnel zu konkurrenzieren.

Dass all diese vielen schönen Projekte - jetzt auch offiziell -doppelt so viel kosten wie bisher vorgesehen, hat freilich auch ganz reale Auswirkungen: Die Finanzierung über neue ÖBB-Schulden, die schon bisher nicht ausgereicht hätte, um das ganze Programm wirklich zu bauen, explodiert dadurch schon einige Jahre früher. Spätestens 2010 wäre daher die nächste ÖBB-Entschuldung fällig. Die spannende Frage ist jetzt freilich, welche Schlüsse Gorbach aus seiner neuen Erkenntnis zieht: Wird er das Problem in bewährter Weise an seinen Nachfolger weiter reichen? Oder wird er gar den Generalverkehrsplan auf jene Projekte reduzieren, die wirklich gebraucht werden?

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