Die rote Kirche im Dorf gelassen

Gusenbauer hat beim Parteitag nichts riskiert - und bekam dafür die Rechnung - von Samo Kobenter

Wien (OTS) - Vermutlich ist das Austria Center in Wien an und für sich nicht sehr geeignet, bei einem Parteitag so etwas wie Aufbruchstimmung zu inszenieren. Die dröge Atmosphäre in dem riesigen Versammlungssaal, dieser Mischung aus überdimensioniertem Seminarhotel ohne Gastronomie und Schalterhalle ohne Flugbetrieb lässt eine andere Choreografie als die bei unzähligen Parteitagen durchlittene kaum zu: Vorn spricht der Chef; und hinten langweilen sich die Delegierten, wenn

sie nicht gerade ihren Pflichtapplaus abliefern. Den Redner, der hier den Funken auf seine Zuhörer überspringen lässt, hat die heimische Politszene im Augenblick nicht - auch nicht die SPÖ.

Also wurde die Rede des alten, neuen Parteivorsitzenden Alfred Gusenbauer trotz forciertem Beginn dann doch wieder eine, die den Funktionären nicht geben konnte, was sie so dringend gebraucht hätten: das Gefühl, einen Aufbruch zu erleben, mit der die Partei an die Regierung und Gusenbauer ins Kanzleramt stürmen wird. Dabei hatte Gusenbauer ansprechend begonnen und klargestellt, dass ihm seine "Startklar"-Tour persönlich bisher zumindest eines gebracht hat: eine neue Lockerheit, die aus der Übung im Gespräch mit den Menschen "draußen" kommen dürfte.

Selbst wenn die Bilder, die Gusenbauer verwendete, nicht immer glücklich gewählt wirkten, brachte er sie doch mit einem gewissen selbstironischen Schwung über die Rampe, der ihm bisher im größeren Rahmen nicht eben geläufig war.

Doch je länger sich seine Ansprache fortsetzte, umso mehr glitt sie in das bekannte Fahrwasser ab, in dem nichts mehr riskiert wird und über das nach und nach die Wellen des Ungefähren und Beliebigen hinweggehen. Natürlich brachte Gusenbauer brav seine Kritik an der Regierung, seine Kampfansagen an; natürlich setzte er das retardierende Moment - weg mit dieser Regierung - routiniert ein, aber der große, begeisternde Wurf, zu dem er am Anfang noch auszuholen schien, wurde daraus nicht. Fast hatte man den Eindruck, als ob sich der Redner selbst in einer Länge gefangen hätte, die keinen der (bekannten) Kritikpunkte auslassen wollte und dabei die prägnante und vor allem Mut machende Botschaft aus den Augen verlieren musste.

In einem allerdings machte Gusenbauer klar, dass er für den Wahlkampf einen Schlüssel gefunden hat: Seine Ansage "Wir lassen uns von dieser Regierung nicht unsere Heimat nehmen" zeigte deutlich auf, wie die SPÖ in die von der ÖVP angezettelte Wertedebatte einsteigen will. Einen SP- Chef, der den Verfall des ländlichen Raumes bedauert und ihn anhand der Schließungen von Postämtern, Gendarmerieposten und Nahversorgern anprangert, kann sich eine breitere Wählerschaft ja noch vorstellen. Ein SP-Chef, der allerdings vor dem nächsten Schritt - der Schließung der sprichwörtlichen Kirche im Dorf - warnt, ist sogar in Zeiten wöchentlich wechselnder Paradigmen eine Novität.

In Kombination mit Werten wie Solidarität, Verteilungsgerechtigkeit, Gestaltungsfreiheit könnte dieser traditionalistisch gefärbte Grundton durchaus eine Wählerschicht erreichen, die sich bei den roten Lockgesängen bisher die Ohren zugehalten hat, weil diese sie noch immer zu stark an die "Internationale" erinnerten - obwohl die dort ja seit Langem nicht mehr gespielt oder gesungen wird.

So gesehen ist Gusenbauer eine brave Pflicht gelaufen, ohne etwas von seiner Kür gezeigt zu haben. Dafür bekam er umgehend die Rechnung: Das Ergebnis, mit dem er gewählt wurde, ist eine schallende Ohrfeige und signalisiert nur, dass ihn die Partei bis zur Wahl machen lässt. Die erlittene Beschädigung dürfte ihm länger nachhängen und innerparteilichen Diskussionen um seine Position neue Nahrung geben. Aber solche Varianten im Machtspiel im Voraus zu erkennen und zu unterbinden, gehört eben auch zum Anforderungsprofil eines potenziellen Kanzlers - und da hat Gusenbauer bisher eben Beißhemmung gezeigt. Dafür hat sich sein Rudel nun erkenntlich gezeigt.

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