"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Mit Scheuklappen" (Von Günther Schröder)

Ausgabe vom 26. November 2004

Innsbruck (OTS) - Seit erste Ergebnisse der PISA-Studie über die mittelmäßigen Leseleistungen bekannt wurden, überschlagen sich Katastrophenberichte aus den Schulen. Wieder wollen es alle immer schon gewusst haben.
Haben sie auch. Experten sind nicht überrascht, sie haben sich durch "Weltklasse"-Parolen aus dem Bildungsministerium nie täuschen lassen. Und die Opposition wetzt die Messer gegen Bildungsministerin Gehrer. Doch was ist ihr vorzuwerfen? Große Veränderungen sind ihre Sache nicht, sie hat in den knapp zehn Jahren ihrer Amtszeit halt alles irgendwie laufen lassen. Hier wurden Stunden abgeknappst, dort Lehrer in Frühpension geschickt. Sachzwänge nennt man das. Also kein Grund, in nationale Depression zu verfallen, wie Gehrer es ausdrückt? Mitnichten. Die jetzt PISA-getesteten Schüler haben ihre schulische Karriere schon unter ihrer Amtszeit begonnen. Und viele PISA-Siegerländer geben weniger für Bildung aus. Das Problem ist vielmehr im Kopf, oder anders ausgedrückt: Gehrer ist in Bezug auf schulische Reformen mit beachtlichen Scheuklappen gesegnet. Penibel hat die von ihr selbst eingesetzte Zukunftskommission Defizite aufgelistet. Da geht es um Kritik am Notensystem und am Repetieren, den Mangel an Ganztagsschulen, um zu wenig schulischer Autonomie, kurz: Es geht um tief greifende Reformen eines Schulsystems, das sich durch den Zwang zur Zweidrittelmehrheit seit Jahrzehnten kaum verändern ließ. Doch vor allem geht es um Offenheit im Denken. Gehrer müsste gleich eine ganze Reihe alter Bildungszöpfe abschneiden. Das ist offenbar zu viel verlangt.
Gut, die Probleme sind vielfältiger: Natürlich ist die Mediennutzung der Jungen eine Herausforderung nicht nur für Deutschlehrer und natürlich werden immer mehr soziale Probleme auf die Schulen abgewälzt. Doch wer sollte die Dinge zuerst angehen, wenn die nicht die zuständige Ministerin? Da sind beschönigende Parolen einfach zu wenig.

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