BILDUNGSENQUETE (4) Vierlinger: Schulnoten unpädagogisch und antidemokratischer Bazillus

Wien (PK) - Dr. Rupert Vierlinger, emerit. Prof. für Schulpädagogik an der Universität Passau, kritisierte bei der Bildungsenquete des Bundesrats die Leistungsbewertung durch Noten als ungerecht und zu wenig objektiv. Schulnoten hätten keinerlei Aussagekraft über die Leistungen eines Schülers und seien zudem in höchstem Maße unpädagogisch. Vierlinger sprach in diesem Zusammenhang von einem "antidemokratischen Bazillus" im Zusammenleben der Schüler.

Der Redner schlug als Alternative ein System der Direkten Leistungsvorlage (DLV) vor. Demnach sollte, wie er erklärte, der Lehrer auf seine "Richterrolle" verzichten und vielmehr der Schüler nach dem Vorbild von Bewerbungen in der Wirtschaft seine Leistungen in einer Mappe selbst präsentieren. In diesem Portfolio soll nach den Vorstellungen Vierlingers der Schüler unter Beratung des Lehrers jene vom Lehrer korrigierten Arbeiten sammeln, die er für die besten Belegstücke seines Leistungsfortschrittes halte.

Auf besonders signifikante Belegstücke kann der Lehrer nach diesem Alternativsystem Erläuterungen über das Zustandekommen der Arbeiten anfügen, was einer verbalen Beurteilung gleich kommt. Das gravierend Neue besteht nach den Worten Vierlingers aber darin, dass der Adressat die Leistung immer selbst überprüfen und sich ein eigenständiges Urteil bilden kann.

Bundesrat Andreas Schnider (V) hob die Bedeutung der Arbeit der Zukunftskommission hervor und unterstützte insbesondere die Verankerung von Bildungsstandards. Er trat aber auch dafür ein, Lehrern und Schulleitern mehr Freiräume zu lassen. Die Schulpolitik sei dazu aufgerufen, sich zurückzunehmen und den Schritt zu wagen, das eine oder andere im Regelschulwesen auf Basis der Schulautonomie wachsen zu lassen. Dabei sollte nach Meinung Schniders auch auf die Beiträge von Schulen in anderen Trägerschaften, etwa konfessionellen Schulen, Bedacht genommen werden.

Bundesrätin Susanne Neuwirth (S) wies in ihrer Wortmeldung auf den Rückfall Österreichs im Pisa-Ranking hin und meinte, diese Ergebnisse müsse man analysieren, sei dies doch ein wichtiges Thema auch in der Öffentlichkeit. Die Rednerin berichtete von ihren eigenen Erfahrungen als HTL-Lehrerin und meinte, mitunter komme es zu Besorgnis erregenden Resultaten, sodass hier dringender Handlungsbedarf gegeben sei.

Weiters ging Neuwirth auf die Fragenkomplexe Ganztagsschule und kooperative Mittelstufe ein. Es gehe um die Bildungschancen der Jugendlichen und, daraus folgend, um die Zukunft Österreichs, und dementsprechende Aufmerksamkeit müsste man diesen Themenfeldern widmen, unterstrich die Rednerin, die sich argumentativ für die Einführung der Ganztagsschule einsetzte, deren Vorteile aus zahlreichen Studien ablesbar seien.

Bundesrat Engelbert Weilharter (F) plädierte für ein zeitgemäßes Bildungswesen und eine gute Bildungspolitik, wobei darauf Bedacht genommen werden müsse, dass es hierbei auch andere Parameter zu betrachten gebe als nur den monetären Aspekt. Der Redner lotete die unterschiedliche Standpunkte der einzelnen Protagonisten aus und kam zu dem Schluss, dass als erster Schritt eine bildungspolitische Planung erfolgen müsse. Es brauche einen bundeseinheitlichen Bildungsplan, der ein Stadt-Land-Gefälle gar nicht erst zulasse.

Weiters plädierte Weilharter für die Schaffung einer Führungskräfteakademie, um Schulverwaltung und Bildungsvermittlung zu optimieren. Zuerst müsse man sich um Inhalte und Rahmenbedingungen bemühen, erst dann sollte die Diskussion über die entsprechenden Mittel geführt werden.

Bundesrat Stefan Schennach (G) sagte, das Geld, das in Schule, Bildung und Ausbildung gesteckt werde, sei eine Investition in die Zukunft des Landes. Wer hier spare, spare an der Zukunft, und das sei nicht Ziel führend. Man müsse sich weiters fragen, was Schule heute leisten könne.

Schule sei nicht mehr ausschließlich der Ort von Wissensvermittlung, sie habe heute auch eine Vielzahl von sozialen Aufgaben. Sie müsse die Schülerschaft zu mündigen Bürgern erziehen, müsse Interkulturalität und Sprachen vermitteln, sie müsse weltoffene junge Menschen schaffen und gegen Rassismus und Nationalismus immunisierend wirken. Es gehe also, schloss Schennach, um die Vermittlung sozialer Werte. In diesem Lichte müsse die aktuelle Diskussion gesehen werden, so der Redner, der sich zudem mit alternativen Schulformen auseinandersetzte.

Abgeordneter Werner Amon (V) sagte, man möge die Resultate der Pisa-Studie richtig einordnen und keine voreiligen Schlüsse ziehen. Österreichs Bildungssystem sei keineswegs Durchschnitt, sondern zeitige nennenswerte Erfolge, wenn man sich dem Thema ganzheitlich nähere. Das Bildungssystem habe die Aufgabe, soziale Unterschiede auszugleichen, das könne aber nicht "Gleichmacherei" bedeuten. Die Schulpolitik sollte unbelastet von ideologischen Fixierungen gemacht werden, es gehe um Vielfalt in einem differenzierten System.

Abgeordneter Erwin Niederwieser (S) sorgte sich um das Bildungsniveau angesichts diverser Studienergebnisse und meinte, es sei die Aufgabe der Politik, Antworten auf die damit verbundenen Fragen zu geben. So sei es von besonderer Wichtigkeit, dass die Kinder bei Schuleintritt über die erforderlichen sprachlichen und kommunikativen Fähigkeiten verfügen. Hier brauche es gegebenenfalls entsprechende Förderung. Es gebe im heimischen Bildungssystem Optimierungsbedarf, ortete der Redner, der sich gegen die frühe Trennung in verschiedene Schulformen ab dem 10. Lebensjahr aussprach.

Abgeordnete Mares Rossmann (F) unterstrich die Notwendigkeit eines Notensystems, sei dieses doch von Schülern wie Eltern gewollt. Man könne jedoch bei Fächern, wo eine Benotung schwierig ist, etwa bei Zeichnen oder Musikerziehung, zu einer verbalen Beurteilung übergehen, meinte Rossmann, wie auch eine Kombination beider Systeme durchaus überlegbar wäre. Auch zum Thema Ganztagsschule gebe es differenzierte Standpunkte, man möge sich hier also nicht unnötig einengen. Priorität habe dabei, so Rossmann, das Prinzip der Freiwilligkeit und der Flexibilität, die auf die konkreten Bedürfnisse abstelle. Sodann sprach sich die Rednerin für adäquate Frühförderung aus. (Forts.)

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