BILDUNGSENQUETE (2) Enzenhofer: PISA ein schiefer Turm - Brandsteidl: Mehr Daten nötig

Wien (PK) - Fritz Enzenhofer (Präsident des Landesschulrates für Oberösterreich) bezeichnete in seinem Referat "Bildung" generell als eine Zukunftsposition Österreichs und als ein bedeutendes Diskussionsthema. Hinsichtlich der PISA-Daten warnte Enzenhofer vor der Überfrachtung der Debatte über die Schule mit anderen Themen und vor der Entwicklung von Katastrophenszenarien. Die Schule unterliege Entwicklungen, auf die sie selbst keinen Einfluss nehmen könne, hielt Enzenhofer fest und nannte dabei den Schülerrückgang, die Probleme bei der schulischen Versorgung des ländlichen Raums, die steigende Erwartungshaltung der Eltern und eine Lehrer-Altersstruktur, die schon in wenigen Jahren dazu führen werde, dass die Lehrer im Durchschnitt älter sein werden als die Großeltern der von ihnen unterrichteten Kinder.

Die Diskussion über die Leistung der Schulen sei oft widersprüchlich, weil sie von verschiedenen Polen aus geführt werde. Zwar würden Schulrankings unisono abgelehnt, alle schielten aber dennoch darauf. Enzenhofer bekannte sich beim Thema Feedback zur Output-Messung, wie sie das Bundesministerium vornehme. Internationale Feedbacks wie PISA seien zwar bedeutend, aber "PISA ist ein schiefer Turm", sagte Enzenhofer pointiert und wies darauf hin, dass Österreich laut WHO bei der Schulzufriedenheit sehr gut liege, das von PISA hoch bewertete Finnland aber sehr schlecht.

Weitere Widersprüche, zwischen denen Schulen zu agieren haben, sah Enzenhofer in der gleichzeitigen Forderung nach höherer Schulautonomie und nach möglichst guter Vergleichbarkeit zwischen den Schulen. Schulen sollen einerseits stabil sein, andererseits aber sehr flexibel auf Veränderungen reagieren können. Schulen werden stark an den kognitiven Leistungen gemessen, die sie vermitteln, zugleich wollen wir alle Orientierung geben, die Schüler an die Gesellschaft heranführen, ihnen Mut machen, Positionen zu beziehen und zugleich das Verständnis vermitteln, dass Gemeinschaft auch bedeuten kann, eigene Positionen zurückzustellen. "Schule hat sehr viel mit Bildung zu tun", zeigte sich Enzenhofer überzeugt und zugleich verwundert darüber, dass gerade jene, die die Noten abschaffen wollen, kognitive Leistungen bei der Beurteilung der Schule so stark in den Mittelpunkt rücken.

Die Frage, wie lange die Kinder in die Schule gehen sollen, sei eine gesellschaftspolitische, stellte der Präsident des oberösterreichischen Landesschulrates fest, und sprach sich dafür aus, Betreuungsmöglichkeiten freiwillig anzubieten. Über schulorganisatorische Fragen wie Ganztagsschule oder Gesamtschule hielt er eine permanente Diskussion nicht für notwendig, sondern wollte demgegenüber Fragen der regionalen Bildungsplanung, der Ressourcen, der Qualitätssicherung, der Leistungsbeurteilung, der Integration und der Begabtenförderung in den Mittelpunkt rücken.

Zukunftsthemen sind für Enzenhofer auch die Bildungsvernetzung, Neuerungen wie das E-Learning und die Herausforderungen auf den Gebieten Technik, Gesundheitsvermittlung sowie Sprachen und nicht zuletzt die Vermittlung sozialer Haltungen, Einstellungen und die Förderung im musischen Bereich.

Am Ende seines Referats wandte sich Enzenhofer den Lehrern zu, für ihn der Mittelpunkt der Schule: "Es gibt keine gute Schule ohne gute Lehrer". Lehrer brauchen Sicherheit, weil nur sichere Lehrer gut unterrichten können. Dabei stellte Enzenhofer die Frage der Lehrerweiterbildung in den Vordergrund und die Aufgabe, junge Lehrer in das System zu bringen. Die Schule brauche nicht unbedingt neue Gesetzen und Verordnungen - das Regelwerk sei gut - die Schule brauche Verlässlichkeit und Ruhe, was freilich nicht zu verwechseln sei mit Friedhofsruhe.

BRANDSTEIDL: WIR BRAUCHEN MEHR EMPIRISCHE DATEN

Dr. Susanne Brandsteidl (Präsidentin des Stadtschulrates für Wien) befasste sich schwerpunktmäßig mit den Ergebnissen der PISA-Studie, der Frage, welche Konsequenzen daraus gezogen wurden, und präsentierte ihre Visionen für das österreichische Schulsystem.

"Wir sind nicht so gut, wie wir bei der Veröffentlichung der PISA-Ergebnisse geglaubt haben, Österreich liegt mit dem Rang 10 bis 16 im Durchschnitt", hielt Präsidentin Brandsteidl fest und schilderte das Problem mit den schlechten Lesern, die eine frühzeitige Förderung brauchen. Sie klagte darüber, wie sehr Schulleistungen in Österreich ein Abbild der sozioökonomischen Herkunft der Kinder darstellen, was sich negativ auf die Schullaufbahnen auswirke. Zu dieser von der PISA-Studie verdeutlichten Problematik fehlten in Österreich Folge-und Detailuntersuchungen, wie sie in Deutschland vorhanden seien -das Bildungsministerium verabsäume es, diesbezügliche Studien in Auftrag zu geben.

Auffällig sei auch die Bandbreite zwischen den Leistungen der einzelnen Schulformen und der einzelnen Schulen in Österreich: die Differenz zwischen der besten und der schlechtesten AHS sei größer als der Unterschied zwischen Österreich und Mexiko. Die Leistung ein und des selben Schülers wurde in einer AHS sowie in allen drei Leistungsstufen der Hauptschule mit der selben Note "Drei" beurteilt.

Angesichts dieser Beispiele wiederholte Brandsteidl: "Wir wissen zu wenig über unser Schulsystem; uns fehlen die empirischen Daten." Österreich brauche mehr Bildungsforschung und sollte sich stärker an internationalen Forschungsprojekten beteiligen. In Deutschland etwa wisse man sehr genau darüber Bescheid, wie sich die Zugehörigkeit von Kindern aus verschiedenen Zuwanderermilieus auf ihre schulischen Leistungen auswirken, in Österreich wäre es etwa auch wichtig, zu erheben, welche Benachteiligungen Kinder in ländlichen Regionen hinsichtlich der von der Schule vermittelten Berechtigungen haben.

In ihren weiteren Ausführungen ging die Wiener Stadtschulratspräsidentin auf die Konsequenzen aus den Ergebnissen der PISA-Studie ein. Sie begrüßte den Übergang von der Input-Orientierung im Bildungswesen zu Output-Betrachtungen, bemängelte aber, dass die Bildungsstandards nicht als Motivationsinstrument eingesetzt werden, sondern als "Leistungsstandards" jeweils erst am Ende der Arbeit des Lehrers, am Ende der Volksschule oder nach der Unterstufe oder der Hauptschule. Die Leadership-Akademie für Direktoren sei eine gute Idee, es werde aber zu lange, nämlich zwanzig Jahre, brauchen, bis alle Wiener Schuldirektoren diese Akademie absolviert haben werden. Ihr Bedauern äußerte Präsidentin Brandsteidl auch an den deutlich geringer werdenden Ressourcen für AHS und Pflichtschule.

Abschließend wandte sich sie Referentin gegen die Forderung nach Ruhe und Stabilität für das Schulsystem. Die Lehrer brauchen Stabilität, es brauche aber zugleich eine Diskussion über ungelöste Fragen unserer Schule, über ganztägige Schulformen, den Förderunterricht, die universitäre Ausbildung für alle Lehrer und Kindergartenpädagogen und über ein Modulsystem, das es erlaube, individuelle Defizite aufzuheben und Schullaufbahnverluste zu verkleinern. (Forts.)

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