BILDUNG IN ÖSTERREICH - INTERNATIONAL NUR MITTELMASS ? Schul- und Bildungsenquete des Bundesrats

Wien (PK) - Aktueller hätte die heutige Enquete des Bundesrates zum Thema "Schule und Bildung - Entwicklungschancen des österreichischen Bildungssystems" nicht sein können: Vor der offiziellen Bekanntgabe am 7. Dezember 2004 wurden nämlich zeitgleich die Ergebnisse der neuesten PISA-Studie, wonach die österreichischen Schulen stark zurückgefallen sind, in den Medien veröffentlicht. Auch der Befund von Günter Haider, Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Salzburg und Leiter des Projektzentrums für vergleichende Bildungsforschung (PISA - PIRLS - TIMSS), fiel äußerst kritisch aus. "Wir sind nur internationales Mittelmaß", so sein Resumee, und dies trotz hoher Investitionen in das Bildungssystem.

Die Enquete wurde von der Präsidentin des Bundesrates Anna Elisabeth Haselbach eröffnet. Sie bat um Verständnis, dass es nicht möglich gewesen sei, viele interessierte SchülerInnen zuzulassen, da Enqueten den Charakter eines Ausschusses hätten und daher lediglich medienöffentlich seien. Über die Diskussion werde jedoch ein Stenographisches Protokoll angefertigt, das auf der Parlamentshomepage allgemein zugänglich sein werde.

GÜNTER HAIDER: REFORMEN SEIT 1962 SIND WEITGEHEND MISSLUNGEN

Keine guten Noten erteilte Günter Haider vom Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Salzburg der Schulentwicklung seit der Reform 1962. Die Periode der vergangenen 40 Jahre sei als eine "niederschwellige Reformpolitik" zu bezeichnen, die rückblickend als weitgehend misslungen betrachtet werden müsse. Als Ursache dafür nannte er die Bindung an eine parlamentarische Zweidrittelmehrheit, wodurch nur kleine und außerparlamentarische Verbesserungen möglich gewesen seien.

Anhand der vorliegenden TIMSS und PISA-Daten seien drei wesentliche Feststellungen zu treffen: Die Leistungsfähigkeit der österreichischen Schule weise nur internationales Mittelmaß auf; die durchschnittlichen Leistungen in Österreich seien mit sehr hohen Kosten verbunden; die Leistungsschwächen lägen vor allem im anspruchsvollen kognitiven Bereich.

Haider führte dazu aus, dass die Kenntnisse der 15- bis 16jährigen SchülerInnen in den Grundkompetenzen im Vergleich zu den anderen dreißig OECD-Staaten nur als mittelmäßig einzustufen seien, wobei seit Jahren die SchülerInnen aus Skandinavien, insbesondere aus Finnland, aus den Niederlanden, aus Kanada, Australien und Neuseeland wesentlich bessere Ergebnisse erzielten. Ein Teil der mäßigen Leistungen erkläre sich aus der mangelnden Nachhaltigkeit des Unterrichts, hervorgerufen durch die Überbewertung der Leistungsbeurteilung. Im österreichischen Unterricht kämen kurzfristigen Lernepisoden bis zum Test oder zur nächsten Schularbeit die größte Bedeutung zu. Die langfristige Sicherung der Kompetenzen gerate dabei ins Hintertreffen.

Die Schwächen der SchülerInnen lägen vor allem dort, wo es gelte, anspruchsvollere Aufgaben zu lösen, sagte Haider, etwa wo es um das "Verstehen komplexer Zusammenhänge", um das "Interpretieren von Daten" und um das "Argumentieren und Schlüsse ziehen" gehe. Besonders schwer falle den jungen Menschen, ein Problem unter verschiedenen Perspektiven zu betrachten, nach alternativen Lösungen zu suchen und triftige Argumente für Meinungen und Gegenmeinungen zu finden.

Eine relativ große Risikogruppe ortete Haider in Lesen und Mathematik. Etwa ein Fünftel der 15- bis 16jährigen seien als schlechte LeserInnen einzustufen. Die Gruppe schlechter MathematikschülerInnen sei etwa gleich groß, das seien zwei- bis dreimal so viele RisikoschülerInnen als in den besten PISA-Ländern. Auf Grund ihrer eingeschränkten Grundkompetenzen sei diese Gruppe, in der der Anteil der Buben sehr hoch sei und weiter steige, zu keinem selbständigen Bildungserwerb mehr in der Lage. Daraus resultierten große Schwierigkeiten beim Einstieg in den Arbeitsmarkt, die bis zum Scheitern gingen.

Wie Haider weiter ausführte, sei der Förderunterricht offensichtlich nicht in der Lage, die Defizite zu kompensieren. In Österreich sei auch der Einfluss des sozioökonomischen Status der Eltern auf die Leseleistung der SchülerInnen besonders ausgeprägt, merkte Haider an, wodurch Kinder aus einem benachteiligten sozialen Milieu bei gleicher Befähigung deutlich geringere Chancen hätten. Dies würde durch die frühe Selektion im Alter von 10 Jahren und mangelnde individuelle Förderung noch verstärkt. Darüber hinaus, so Haider, seien innerhalb gleicher Schularten regional große Leistungsunterschiede festzustellen. So unterscheide sich die Leseleistung zwischen der besten und schlechtesten AHS um fast zwei Kompetenzstufen, und im Extremfall könne man auch AHS-Klassen finden, deren Durchschnittsleistungen in Mathematik niedriger lägen als die von zweiten Leistungsgruppen ländlicher Hauptschulen.

Haider bedauerte, dass in Österreich bildungsökonomische Daten und Analysen fehlen, die zeigten, warum die hohen Investitionen im allgemeinen Bildungsbereich nicht entsprechend unterrichts- und ergebniswirksam werden.

Abschließend führte Haider einige Aspekte ausländischer Unterrichtsmodelle an, die auf Grund internationaler Vergleiche zu einer Verbesserung der Situation führen könnten. So werde vor allem die starke individuelle Förderung von Kindern in relativ heterogenen Gruppen im Ausland erfolgreich praktiziert. Davon profitierten schwächere SchülerInnen genauso wie überdurchschnittlich begabte. Es sei einfach falsch, wenn man meine, homogene Schülergruppen, die durch Notendruck und Auslese homogen gehalten würden, erbrächten die besten Leistungen. Darüber hinaus gebe es in diesen Ländern für alle SchülerInnen Bildungsstandards. Ein wesentliches Element sei auch das flächendeckend vorhandene Betreuungsangebot, zum Beispiel in Ganztagsschulen, wodurch eine Reihe pädagogischer Chancen in Form von Zusatzangeboten eröffnet würden. Die extrem frühe Selektion scheine ein erheblicher Nachteil vor allem für schwächere SchülerInnen zu sein.

Man müsse daher konsequent, rasch und vor allem über die ideologischen Grenzen hinaus in einer gemeinsamen nationalen Kraftanstrengung reagieren, denn die Umsetzung bildungspolitischer Reformen nehme zwei bis drei Legislaturperioden in Anspruch, appellierte Haider an die Politik. (Forts.)

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