"Die Presse" Leitartikel: "Ohne Alternative im Irak:Gefangen im Guerillakrieg" (von Christian Ultsch)

Ausgabe vom 17.11.2004

Wien (OTS) - Bilder erzeugen Emotionen. Bilder dringen direkt und ungefiltert ins Bewusstsein. Und deshalb entscheiden zumeist Bilder und nicht Worte die Schlacht um die öffentliche Meinung. Im Irak scheinen die Amerikaner diesen Kampf um die Gunst der Bevölkerung längst verloren zu haben. Ihre schönen Reden über die Demokratisierung des Nahen Osten klangen mit einem Schlag endgültig hohl, als bizarre Folterszenen mit sadistisch grinsenden US-Wärtern aus dem Gefängnis Abu Ghraib auftauchten. Eine vergleichbar desavouierende Kraft wohnt nun den Videoaufnahmen aus Falluja inne, die zeigen, wie ein völlig entnervter amerikanischer Soldat einen verwundeten, am Boden liegenden Aufständischen mit einem Kopfschuss tötet. Bilder liefern keine Erklärung mit. Sie stehen für sich selbst. In diesem Fall anklagend.
Ohne den Untersuchungen vorgreifen zu wollen: Es wäre auch keine Entschuldigung, wenn ein Kamerad des Todesschützen, wie kolportiert wird, erst vor kurzem in eine Sprengfalle tappte, die unter der Leiche eines irakischen Rebellen versteckt war. Dieser Umstand würde lediglich helfen, sich in den Geisteszustand des Täters hineinzuversetzen. Entlastet würde er dadurch nicht. Denn einen wehrlosen Gefangenen zu töten, ist eindeutig ein Kriegsverbrechen. Es war von vornherein klar, dass der Sturm auf Falluja den Amerikanern keine Sympathien einbringen wird. Aber nach dem Kopfschuss-Foto muss man erneut daran zweifeln, wie die USA jemals wieder ihre moralische Autorität im Irak zurückgewinnen wollen. Doch möglicherweise stellt sich diese Frage für die USA ohnehin längst nicht mehr.
Für die Supermacht geht es nun vor allem darum, zu verhindern, dass aus dem Irak ein sogenannter "gescheiterter Staat" wird, eine Brutstätte für den internationalen Terrorismus. Man kann trefflich darüber streiten, ob es klug war, den Irak-Krieg überhaupt zu beginnen. Doch jetzt kann es nur eine Priorität geben, den Krieg zu Ende zu bringen. Und zu Ende ist der Krieg erst, wenn die Extremisten vom Schlage des Terroristenführers al-Sarkawi bezwungen sind. Die USA können es sich nicht leisten, auf halbem Weg stehen zu bleiben und zuzusehen, wie aus dem erdölreichen Land ein zweites Afghanistan wird. Das kann im Übrigen auch nicht im Interesse der Europäer liegen, die bisweilen die Rückschläge der Amerikaner mit heimlicher, rechthaberischer Häme zu beobachten scheinen.
Man kann auch geteilter Meinung sein, ob es nicht bessere als militärische Mittel gibt, um Konflikte zu lösen. Aber wie hätte man der Lage in Falluja anders Herr werden sollen als durch den Einsatz von Gewalt? Es gab einen Versuch, so etwas wie einen Waffenstillstand in Falluja herzustellen. Doch dieser Versuch scheiterte kläglich. Die Stadt blieb im Griff extremistischer Gruppen und damit ein sicherer Hafen für Terroristen. Einen solchen Zustand jedoch darf man nicht dulden, wenn ein Land, in dem in zwei Monaten demokratische Wahlen geplant sind, nicht endgültig in die Anarchie abgleiten soll. Andererseits ist deutlich: Der opferreiche Sturm auf Falluja hat nicht die erhoffte Wende im Guerillakrieg gebracht, in den die US-Armee 18 Monate nach dem Sturz Saddam Husseins immer noch verwickelt ist. Kaum drangen die US-Soldaten in die westirakische Stadt im sunnitischen Dreieck vor, brachen auch schon anderswo heftige Gefechte los, sogar im nordirakischen Mossul. Die Aufständischen bewegen sich offenbar wie Fische im Wasser. So lange sie Rückhalt in der Bevölkerung haben, werden sie mit den den Amerikanern und der irakischen Armee weiterhin Katz und Maus spielen können. Das Fatale dabei: Jede überzogene Militäraktion, jedes Bild eines tötenden US-Soldaten stärkt den Widerstandswillen.
Zum militärischen Vorgehen gegen die Aufständischen gibt es keine Alternative. Die mentale Wende im Irak jedoch kann nur ein politisches Ereignis bringen, die Wahl Ende Jänner.

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