"Kleine Zeitung" Kommentar: "Jubiläumsjahr 2005: Ringen um den wahren Patriotismus" (von Hans Winkler)

Ausgabe vom 23.11.2004

Graz (OTS) - Ihr Patriotismus ist nicht unser Patriotismus", schleuderte Josef Cap der ÖVP voll Wut entgegen, als er zum Auftakt der Budgetdebatte statt über Finanzpolitik über das bevorstehende Jubiläumsjahr redete, in dem sich die Republik neben einem Dutzend anderer Denkwürdigkeiten vor allem des Staatsvertrags und des EU-Beitritts erinnern will.

Caps Zorn war ausnahmsweise echt, als er ausrief: "Dass Sie jetzt dort oben auf der Regierungsbank sitzen, verdanken sie dreißig Jahren sozialdemokratischer Kanzler." Die Ironie dieses Satzes entging dem SPÖ-Klubobmann, der sicher nicht sagen wollte, dass nach 30 Jahren die Zeit eben reif für einen nichtsozialistischen Bundeskanzler gewesen sei. Die SPÖ kann es nicht verwinden, dass ein anderer als ein SPÖ-Kanzler auf dem Ballhausplatz sitzt.

Diesen Anspruch legitimiert sie mit ihrer Deutung der österreichischen Geschichte, bei der sie von einem Gutteil der schreibenden Intelligenz unterstützt wird: Die einzigen wahren Patrioten sind die Linken. Die ÖVP - das sind eigentlich die Nachfahren der "Austrofaschisten". Bruno Kreisky ist der Vater des modernen Österreich, vor dem und nach dem es keine bedeutende Figur im Kanzleramt gegeben hat.

Dieses Monopol der SPÖ auf die Geschichte ist nun bedroht. Wer die bombastisch inszenierte Vorstellung des Programms für das Jubiläumsjahr in der gewaltigen Halle des Arsenals in Wien durch die Regierung gesehen hat, bekam eine Anschauung davon, wie entschlossen die ÖVP ist, nun ihre Sicht der Dinge entsprechend ins (ORF-)Bild zu rücken.

Diese schaut so aus: Die Gründung der Zweiten Republik, die zehn Heldenjahre des Wiederaufbaus, die Wundergeschichte vom Staatsvertrag - das alles war geprägt von ÖVP-Bundeskanzlern. (Auch der unverwüstliche Mythos Neutralität wird zu diesem Zweck wieder aufgeputzt.) Josef Klaus war schon vor Kreisky der erste Reformer der Zweiten Republik. Und - last, but not least - ist Wolfgang Schüssel, der ausgerechnet so alt ist wie die Zweite Republik, der Nachfahre von Figl, Raab, Klaus und womöglich sogar Kreisky.

Solche Staatsfeiern haben es an sich, dass die jeweilige Regierungspartei Gelegenheit bekommt, sich mit dem Staat zu identifizieren. Auch der Bundespräsident wird eingeschlossen. Das hätte die SPÖ nicht anders gemacht.

Ihr bleibt jetzt wenig anderes übrig, als entweder beleidigt danebenzustehen oder mitzumachen. Eine eigene starke alternative Idee oder Aktivität der großen Oppositionspartei für das Jubeljahr ist bisher nicht auszumachen. ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001