"Die Presse"-Kommentar: "Islamisten halten leider eher wenig von Multikulti" von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 12.11.2004

Wien (OTS) - Die Anti-Islam-Welle, die nach den Anschlägen des 11. September die Vereinigten Staaten und Teile Europas erfasste, hat Österreich nie wirklich erreicht. Vor allem deshalb, weil wir hierzulande kaum ein Problem mit islamischem Extremismus oder gar Terrorismus hatten. Trotzdem, werden Verfassungsschützer und Sicherheitsexperten nicht müde zu beteuern, leben wir nicht auf einer "Insel der Seligen": Österreich gilt als "Rückzugsgebiet", als Aufenthaltsraum für "Schläfer", die sich unter der Decke einer österreichischen Immigranten-Identität möglicherweise auf todbringende Einsätze in allen Teilen der Welt vorbereiten.
Im Jänner dieses Jahres kam erstmals so etwas wie erhöhte Alarmbereitschaft ins öffentliche Bewusstsein: Abhörprotokolle aus italienischen Quellen ließen Österreich als jenes Land erscheinen, "in dem alles seinen Ausgang nimmt". Seither köchelt das Thema "Islamismus in Österreich" auf mittlerer Flamme dahin: Hier ein Bericht über problematische Inhalte von Lehrbüchern, nach denen in libyschen und arabischen Schulen Wiens unterrichtet wird. Dort ein Report über die zunehmende Abkapselung und damit auch Radikalisierungstendenz unter "frommen" türkischen Gastarbeitern. Nimmt man zusammen, was Verfassungsschützer, Integrationsexperten und Sozialwissenschaftler während der vergangenen Monate an Erkenntnissen gewonnen haben, so lässt sich einigermaßen zweifelsfrei festhalten: Der politische Islam ist auch in Österreich dabei, sich vom Phänomen zum Problem zu entwickeln.
Und damit stellen sich für die österreichische Politik einige nicht unwichtige Fragen: Soll man weiter darauf vertrauen, dass sich auch die zu extremeren Ansichten neigenden Muslime ruhig verhalten, so lange man sie nicht an der Ausübung ihrer Religion und am Ausleben ihrer gesellschaftspolitischen Vorstellungen hindert? Oder müsste nicht dieser deutlich werdende Übergang vom Phänomen zum Problem auch bei den heimischen Sicherheitskräften zu einem Strategiewechsel von der Beobachtung zum prophylaktischen Eingreifen nach sich ziehen? Österreich ist mit seiner bisherigen Politik gut gefahren, weil sie auf einer vernünftigen Überlegung fußt: Unangemessener Druck auf die muslimische Gemeinde würde noch stärker zum gesellschaftlichen Rückzug und damit zur Gefahr der Radikalisierung führen. Zugleich steckt in diesem Zugang die ur-österreichische Gefahr, Toleranz mit Wurschtigkeit zu verwechseln: So begrüßenswert die Rücksichtnahme auf kulturelle Eigenheiten ist, so naiv wäre es, die Gefahren zu unterschätzen, die im politischen Islam stecken. Unglücklicherweise halten Islamisten, auch in Österreich, eher wenig von Multikulturalität.
Zum Risiko der Wurschtigkeit gesellt sich die Gefahr der Mythengläubigkeit: Unsere schöne Heimat wird von etlichen Mitbürgern für das Land gehalten, in dem sogar Terroristen gemütlich werden. Kein Wunder: Bruno Kreisky und das neutrale Österreich haben, wenn es denn wahr ist, aus dem Terroristen Jassir Arafat einen Friedensnobelpreisträger geformt - warum sollte uns das nicht auch mit Osama bin Ladens Freunden gelingen? Die "Kronen Zeitung" als Instinktdrüse des österreichischen Organismus brachte es im vergangenen Jänner auf den Punkt: "Unter Kreisky hatte es fast Tradition, gewisse Gruppierungen in Österreich in Ruhe zu lassen. Vielleicht ein wenig opportunistisch, aber es hat funktioniert."

Vielleicht hat das tatsächlich funktioniert. Dass es heute nicht mehr so ist, zeigt das deutsche Beispiel: Auch unsere Nachbarn hatten geglaubt, es sei möglich, das Islamismus-Problem durch multikulturelle Gesinnung zu beherrschen. Heute wissen sie - durch schmerzhafte Erfahrung -, dass es neben gesellschaftspolitischer Gelassenheit auch die Bereitschaft und die Fähigkeit braucht, radikale Ansätze hart und konsequent zu bekämpfen.

michael.fleischhacker@diepresse.com

Der Islamismus entwickelt sich vom Phänomen zum Problem. Damit stellen sich einige Fragen für die Politik.

Rückfragen & Kontakt:

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001