"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Die hungrigen Nachbarn" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 12.11.2004

Wien (OTS) - Wir sind hungrig nach Erfolg; wir sind bereit, viel
zu arbeiten; wir wollen gut verdienen; wir wollen reisen und die Welt sehen: Wer dieser Tage beruflich in den neuen EU-Staaten unterwegs ist, egal ob in Ungarn, in der Slowakei oder in Estland, hört solches immer wieder.
Die Ambitionen sind durchaus ernst zu nehmen. Selbst ehrgeizige Vorgaben der Geschäftsleitung werden nicht bloß wie hierzulande zähneknirschend akzeptiert, sondern als Herausforderung angesehen. Wird die erfolgreiche Bewältigung der Hürden zusätzlich mit dem Versprechen von Incentives gekoppelt, kennt die Motivation kaum noch Grenzen. Die Ankündigung von Luxusreisen des gehobenen Managements nach Frankreich oder Italien löst Begeisterung aus.
Es wird noch viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis die Beitrittsstaaten den westeuropäischen Lebensstandard erreicht haben. Das mag als Beruhigung durchgehen. Beim Kampf um Wirtschaftswachstum, um neue Arbeitsplätze, um zusätzliches Einkommen und die lieb gewordene Mehrung des Wohlstands aber graben uns etliche Beitrittsländer längst das Wasser ab.
Diese Motivation der Mitarbeiter ist gefährlicher als der immer wieder angeprangerte Steuerwettbewerb. Niedrige Abgaben sind nur so lange haltbar, als auch staatliche Infrastruktur und soziale Sicherheit auf bescheidenem Niveau bleiben. Mit steigenden Ansprüchen an Infrastruktur und Sozialleistungen werden auch die Steuern in den Beitrittsländern zwangsläufig auf westeuropäisches Niveau angehoben werden müssen.
Wollen wir in den "alten" EU-Staaten im Kampf um Wachstum und Wohlstand mithalten, werden wir erst einmal den Motivationswettbewerb um engagierte, kreative, leistungs- und erfolgsorientierte Mitarbeiter gewinnen müssen. Da sind Unternehmer und Spitzenmanager ebenso gefordert wie der Staat.
Leistung muss sich lohnen: Das darf kein Schlagwort bleiben, sondern muss wieder zur Realität werden. In vielen Unternehmen - man denke da nur an die BankAustria - ist die Motivation nach den diversen Cost-Cutting-Aktionen im Keller. Bei den Mitarbeiter(inne)n dominiert das Gefühl, dass nicht die Fleißigsten und Engagiertesten das Rennen machen, sondern die Unauffälligsten. "Nur keine Fehler machen" ist aber die falsche Strategie, wenn es um den Sieg geht.
Ein falsches Signal gibt derzeit auch die Regierung. Die steuerliche Entlastung des Mittelstands und der Wirtschaft durch die Steuerreform 2005 war zwar überfällig. Wenn aber durch die Anhebung der Höchstbeitragsgrundlage in der Krankenversicherung und diverse andere Aktionen gut verdienende Angestellte im nächsten Jahr per Saldo weniger auf dem Konto haben werden als heuer, ist das kein Signal in Richtung Leistungsgesellschaft. So werden wir die erfolgshungrigen Neuankömmlinge in der EU nicht in Schach halten können.

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