Matznetter gegen Erhöhung der Arbeitszeit bei gleichem Lohn

Androsch: Brauchen europäische Wirtschaftspolitik und mehr Geld für Forschung, Entwicklung, Universitäten

Wien (SK) "Der Titel des Buches zeigt es bereits: die Psychologie wird in Deutschland zum wirtschaftlichen Faktor und so zum wirklichen Problem. Das alles erinnert ein bisschen an Molieres 'eingebildeten Kranken'", so SPÖ-Budgetsprecher Christoph Matznetter am Freitag bei einer Diskussion mit dem deutschen Ökonom Hans-Werner Sinn, dem Industriellen Hannes Androsch und der Meinungsforscherin Charlotte Hager. Diskutiert wurde über das Buch "Ist Deutschland noch zu retten?" und die Thesen Sinns. Matznetter widersprach Sinn und betonte: "Wenn wir die Arbeitszeit bei gleichem Lohn anheben, dann hat das kurzfristig vielleicht eine Wirkung. Mittelfristig ist die Wettbewerbsfähigkeit aber nicht mehr gegeben." ****

Wenn Sinn davon spreche, dass Deutschland und seine Wirtschaft im internationalen Vergleich eine sehr negative Entwicklung nehme, dann müsse man auch anmerken, wie groß der Einfluss von psychologischen Faktoren sei. "Was wir, auch in Österreich, wirklich haben, ist eine Krise in der Nachfrage", so Matznetter. Grund dafür sei die transportierte Angst und die damit einhergehende Demotivation der Bevölkerung zum Konsum. Es gebe zwar die höchste Ansparquote, aber die Menschen würden sich wegen der schlechten Stimmung nicht zum Ausgeben durchringen können.

Den Außenbeitrag der Waren und Dienstleistungen ansprechend, sagte Matznetter: "In Wirklichkeit haben die USA einen Zustand der Null-Wettbewerbsfähigkeit erreicht", der damit der These Sinns entgegentrat, der die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Arbeitnehmer in Frage gestellt hatte. Auch zeige sich, dass ein US-Bürger ein vielfaches an Arbeitszeit aufwenden müsse, damit er sich einen vergleichbaren Lebensstandard eines Europäers leisten könne. "Rifkin folgert daraus, dass Europa das erfolgsversprechendere Modell ist", hielt Matznetter fest.

Den immer wieder genannten Vergleich der Wachstumsraten Europas mit der VR China, kritisierte Matznetter vehement. Es sei auch nicht so, dass man beim Bergsteigen sagen könnte: "Wir wollen auf den Mount Everest, sind auf 7.000 Meter, haben heute aber leider nur 300 Meter geschafft, während die im Tal heute von 1.000 auf 2.000 Meter gekommen sind", so Matznetter, der die mediale Berichterstattung um den Boom in China mit dem Verhalten der Medien zur Entwicklung Japans in den siebziger Jahren verglich.

Matznetter warnte davor, dass eine Anhebung der Arbeitszeit bei gleichbleibendem Lohn mittelfristig zu einer Radikalisierung der Gesellschaft führen würde und sprach sich entschieden dagegen aus. Darüber hinaus sei zwar vielleicht kurzfristig ein Erfolg zu erwarten, aber mittelfristig sei die Wettbewerbsfähigkeit nicht mehr gegeben. "Das Senken der Löhne bringt keinen technologischen Fortschritt", so Matznetter, der auf das Modell der "Produktivitätspeitsche" verwies.

Androsch kritisierte an den Ausführungen Sinns, dass dieser die Auswirkungen der permanenten Euroaufwertung nicht berücksichtige. "In den letzten Jahren hat eine Verschiebung der Währung um 60 Prozent stattgefunden", so Androsch, der auch darauf verwies, dass dies nicht nur den US-Dollar, sondern auch die daran gebundenen Währungen, wie beispielsweise die chinesische Währung betreffe. Die Lohnkosten, an denen einzig und allein die Überlegungen Sinns ansetzen würden, würden in einem Unternehmen zwischen zehn und 30 Prozent ausmachen. Viel wichtiger wäre es, wenn man bei den Energie-, Transport- und Bürokratiekosten spare. "Wir brauchen eine europäische Wirtschaftspolitik. Wir brauchen mehr Geld für Forschung, Entwicklung und die Universitäten", hielt Androsch fest, der abschließend sagte:
"Die Lohnkosten zu senken ist nicht die Wunderwaffe gegen zu geringes Wachstum." (Schluss) js

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