Die Tragödie eines unverwüstlichen Kämpfers

Wien (OTS) - Am achten Tag kam die Erlösung dann doch noch - nicht unbedingt im spirituellen Sinn -, das Ende eines von bizarren Begleiterscheinungen umrankten Todeskampfs. Es war die Chronik eines angekündigten Sterbens: Jassir Arafat musste leben, obwohl er sich als Führer der Palästinenser längst überlebt hatte. Er starb fern der Heimat und weit entfernt von seinem Lebensziel - einem Palästinenserstaat -, was seinem Tod eine tragische Note verleiht. Aber selbst sein Sterben sollte noch einmal die märtyrerhafte Zähigkeit des unverwüstlichen Kämpfers demonstrieren, der so fulminant wie niemand anderer für die palästinensische Sache einstand.
Für das palästinensische Volk bleibt der Überlebenskünstler, dem neun Leben nachgesagt wurden, die Ikone eines Befreiungskampfs, zu der er sich samt Kefiya, dem schwarz-weiß gewürfelten Kopftuch, und seiner olivgrünen Uniform auch selbst stilisiert hat - ein "Vater der Nation", auf den sich die Hoffnungen der Palästinenser fokussierten. Für den Rest der Welt war der untersetzte Mann mit den "Haaren im Gesicht" ein Chamäleon, der die Metamorphose vom Terroristen zum Staatsmann nie so ganz vollzogen hat.
Mit Fidel Castro verband ihn stets mehr als die bloße Weigerung, den Drillich des Guerillaführers abzustreifen. Er pflegte den Personenkult, regierte wie ein Autokrat, und wie ein orientalischer Potentat umgab er sich mit einem Rudel von "mediokren Speichelleckern", wie der palästinensische Intellektuelle Edward Said bitter bemerkte. Demokratie war dem Raïs wesensfremd, von ihr war am Hofe Jassir Arafats - in Gaza und in Ramallah - nichts zu spüren. "Abu Ammar", wie sein Nom de guerre lautete, duldete niemanden neben sich - auch nicht seine Mitstreiter Mahmud Abbas und Ahmed Korei. Seine Zerwürfnisse mit potenziellen Nachfolgern sind Legion. Persönlich einem spartanischen Lebensstil verhaftet, wucherte in seiner Umgebung Nepotismus und Korruption in großem Stil.
Im Nahost-Konflikt erwies sich Arafat als brillanter Taktiker, aber als miserabler Stratege. "Er konnte nie nein sagen", beschrieb sein Biograf Danny Rubinstein seinen Charakter. Gerne kolportieren Israelis den Spruch: "Er hat keine Gelegenheit verpasst, eine Gelegenheit zu verpassen." Als er im Juli 2000 in Camp David ein großzügiges Friedensangebot kategorisch ausschlug, versetzte er den hochfliegenden Erwartungen einen Schlag, die er im September 1993 im Rosengarten des Weißen Hauses mit seinem Shakehands mit den Kontrahenten und Nobelpreiskollegen Rabin und Peres geweckt hatte. In ihm steckte nicht das Format eines Nelson Mandela.
Stets blieb Jassir Arafat bei seiner Odyssee durch den Nahen Osten auf halbem Weg stecken. Sprichwörtlich ist darum sein Zitat "Es ist schwieriger, Frieden zu schließen, als Krieg zu führen." Für eine unanfechtbare Versöhnung mit Israel reichte es nie aus. Immerhin mochte er dem Judenstaat das Existenzrecht nicht absprechen, dessen Zerstörung er sich einst verschrieben hatte. Kontrovers bis zuletzt, predigte er im Englischen Versöhnung und im Arabischen Gewalt. Zwischen Olivenzweig und Pistole konnte er nie entscheiden. Nur ansatzweise gelang es ihm, dem Terror der palästinensischen Extremisten Einhalt zu gebieten.
Oft unterlag der Palästinenser-Führer fatalen Fehleinschätzungen wie während des ersten Golfkriegs, als er sich solidarisch an die Seite Saddam Husseins stellte - was allerdings den Friedensprozess im Nahen Osten erst möglich machte, da sich Arafat daraufhin nicht mehr dem Druck der USA entziehen konnte. Die Intifada schließlich, die er in Gang setzte, war kontraproduktiv. Arafat verspielte seinen Kredit, geriet in Isolation und unter Quarantäne in seinem Hauptquartier in Ramallah, das jetzt zum Mausoleum umfunktioniert wird - Kultstätte für eine tragische Figur, die letztlich grandios gescheitert ist. Als Symbol mag Jassir Arafat Unsterblichkeit erlangen, nicht aber als Staatsmann, der die Verheißungen eingelöst hat. Dies bleibt als Vermächtnis seinen Nachfolgern überlassen.

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