WirtschaftsBlatt Kommentar: Der Strompreis kommt endlich unter die Lupe - von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Die erregte Debatte um Strompreise hört nicht auf,
und das ist verständlich. Denn erstens wird die kostbare Energie trotz massiver Vorwürfe von Seiten der Wirtschaftskammer und der Industriellenvereinigung doch immer nur teurer. Und zweitens haben sich die Stromversorger schon bei der ersten Kritik an den Auswirkungen ihrer geplanten Österreichischen Stromlösung
(ÖSL) trotzig in die Wagenburg zurückgezogen. Ihr Justamentstandpunkt macht ihrer Ansicht nach weitere Debatten unnötig, schon gar, wenn es sich um eine Fernsehdiskussion handelt. Deshalb musste der ORF vor kurzem ohne Repräsentanten der E-Industrie über die Runden kommen. Das ist nicht für den ORF oder die Kritiker des verzerrten Strommarktes peinlich, sondern doch für diejenigen, die den Schmollwinkel als geschützten Bereich vorziehen. Umso nötiger ist eine Objektivierung der Sachlage. Einen ersten Beitrag dazu wird die Bundeswettbewerbsbehörde in Kooperation mit dem Stromregulator vermutlich noch im November anbieten. Die Behörde hat einige Hundert Fragebögen an Industrie- und Gewerbeunternehmen geschickt und zurückbekommen. Die Antworten geben Aufschluss, wie unterschiedlich Stromlieferanten ihre Kunden behandeln, nicht nur preislich, sondern in diversen Vertragsmodalitäten. In der Praxis scheint nämlich mehr Spielraum im Sinne eines liberalisierten Marktes zu bestehen, als zugegeben wird. Hinzu kommen die im europoäischen Vergleich extrem hohen Netzgebühren, die zusätzliche Anbieter geradezu abschrecken. Logischerweise setzt die Wirtschaftskammer bei diesem preistreibenden Tarifpartikel an. Eine Senkung der Netzgbebühren würde nicht nur eine allgemeine Preissenkung erlauben, sondern den Wettbewerb der Anbieter ankurbeln. Eine sensationelle Wendung der Dinge ist freilich nicht zu erwarten. Die Grosshandelspreise für Strom bewegen sich in Deutschland und Österreich seit Jahren im Verhältnis eins zu eins die einstige Schilling-D-Mark-Bindung ist in elektrifizierter Form so lebendig wie damals. Strompreise steigen in ganz Europa, die Kosten für andere Energieformen auch. Der ehrgeizige Versuch der Wettbewerbshüter besteht darin, zu verhindern, dass zur negativen Gesamttendenz auch noch der individuelle Wettlauf der einzelnen Sparten und Anbietgergruppen um immer lukrativere Ergebnisse anhält. Das wäre auf Dauer weder liberal noch volkswirtschaftlich erträglich.

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