Ein Skandal, ganz nach dem Geschmack der Politik

"Presse"-Leitartikel vom 9.11.2004 von Franz Schellhorn

Wien (OTS) - Nun ist es also soweit. Der Linzer Anlagenbauer VA
Tech steht knapp vor der Übernahme durch den deutschen Elektronikmulti Siemens. Dieser hat sich über seine Österreich-Tochter knapp ein Fünftel der Aktien an der VA Tech geschnappt und greift nun nach der Mehrheit. Ein neuer "Ausverkaufs-Skandal"? Wohl kaum. Es sei denn, man verdient sich sein Geld in der Politik. Dort wird der Einstieg von Siemens bei der VA Tech nämlich schon zu eben diesem Ausverkaufs-Skandal auffrisiert. Weshalb die VA Tech - wie aus den Parteizentralen zu hören ist - auch ein zentrales politisches Thema der Woche sein wird.
Wir dürfen festhalten: Eine private Investorengruppe (rund um den Industriellen Mirko Kovats) verkauft ihr Aktienpaket an der mehrheitlich privaten VA Tech an den mehrheitlich privaten Siemens-Konzern. Und dieser Vorgang ist in Österreich dann ein innenpolitisches Kernthema.
Klar. Immerhin droht ja der "Ausverkauf" eines heimischen Konzerns. Ganz so, als handelte es sich bei der VA Tech um ein österreichisches Juwel. Haben wir da nicht eine Kleinigkeit vergessen? Ach ja, der Konzern ist das, was man gemeinhin einen klassischen Sanierungsfall nennt. Allein heuer wird er eigenen Angaben zufolge knapp 70 Millionen Euro Verlust schreiben. In alter Währung sprechen wir hier also von einer flotten Milliarde Schilling. Trifft diese Prognose zu, dann hat die VA Tech allein seit 2002 knapp 180 Millionen Euro in den Sand gesetzt.
Das ist für die heimische Politik freilich keine Kategorie. Für die Volksvertreter sind nämlich nicht die horrenden Verluste der VA Tech eine Gefahr für das Unternehmen, sondern der Einstieg von Siemens. Das ist nebenbei bemerkt jener Konzern, der seit über 125 Jahren kräftig in Österreich investiert und der der größte industrielle Arbeitgeber des Landes ist. Was heimische Bundes- und Landespolitiker aller Couleurs nicht davon abhalten kann, von Siemens eine Standort-und Arbeitsplatzgarantie zu fordern. Schließlich dürfe die VA Tech ja auch nicht zerschlagen werden, wie Erich Haider, Oberösterreichs oberster Sozialdemokrat und Privatisierungsgegner meint. Ganz so, als wäre die aus den Resten der Verstaatlichten zusammengewürfelte VA Tech nicht ein heterogener Mischkonzern, sondern ein historisch gewachsenes Traditionsunternehmen. Man müsste wohl laut auflachen, wenn die ganze Sache für den Finanz- und Wirtschaftsstandort Österreich nicht so ernst wäre.
Zu fordern haben die österreichischen Volksvertreter von Siemens freilich gar nichts. Entscheidungen, die das Eigentum betreffen, werden eben auch hierzulande von den Eigentümern selbst getroffen. Daran werden sich früher oder später auch österreichische Politiker gewöhnen müssen - wenn es auch noch so schwer fallen mag. Und nur, weil die VA Tech ihren Firmensitz in Linz hat und 7000 ihrer 17.500 Mitarbeiter in Österreich beschäftigt, ist das Unternehmen noch lange nicht Landes- oder Staatseigentum.
Spannend wird zu beobachten sein, wie sich die Politiker in jenen Bereichen bewegen werden, die sie wirklich etwas angehen. Etwa in der Frage, was denn nun mit dem Minderheitsanteil der Verstaatlichtenholding ÖIAG zu geschehen hat. Soll die ÖIAG ihre knapp 14 Prozent an der VA Tech behalten oder sie an Siemens verkaufen? Letzteres wäre das Beste. Schließlich hat sie mit 14 Prozent nicht viel zu reden, zudem ist der Aktienkurs derzeit so hoch wie schon lange nicht.
Nur die Optik würde freilich eine schiefe sein. Schließlich wurde Siemens vor zwei Monaten im Zuge des ersten Übernahmeversuchs der VA Tech von Teilen der Regierung wie von der Opposition noch zum Staatsfeind degradiert. Jetzt, wo der Einstieg der Münchner ein Faktum ist, wird das nicht mehr so eng gesehen (siehe Seite 3). Warum dieser Meinungsschwenk in Wahrheit gar keiner ist, davon wird uns die Politik sicherlich noch überzeugen. Davon versteht sie nämlich wirklich etwas.

Rückfragen & Kontakt:

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
E-mail: chefvomdienst@diepresse.com

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001