"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Metaller-Abschluss sollte heuer nicht Richtschnur sein" (von Wolfgang Simonitsch)

Ausgabe vom 05.11.2004

Graz (OTS) - Wenn ein Lohnabschluss von allen Beteiligten und Beobachtern aus ganz unterschiedlichen Gründen ziemlich einhellig begrüßt wird, spricht vieles dafür, dass er gescheit ist. So gesehen wurde bei der Lohnrunde der Metaller - plus 2,5 Prozent auf die Mindest- und Ist-Löhne - ganze Arbeit geleistet.

Auch deshalb, weil heuer das Tauziehen um den Kollektivvertrag so langwierig und zäh wie angeblich noch nie gelaufen ist. Statt üblicher zwei wurde vier Runden lang und ausdauernd am Verhandlungstisch gepokert. Das hatte spezielle Gründe: Es galt diesmal nicht nur, einen Kompromiss für Lohnerhöhungen zu finden, der wegen steigender Ölpreise und Inflationsraten schwierig war. Kompliziert hat den heurigen Abschluss das gleichzeitige Ringen um ein einheitliches Lohn- und Gehaltsschema für Arbeiter und Angestellte.

Seit Jahrzehnten haben Arbeitgeber und Arbeitnehmer mehr oder minder heftig darum gerungen. Diesmal war ein Durchbruch der Knackpunkt beim Abschluss der Metaller.

Und er ist geglückt. Das ist allerdings auch der Schönheitsfehler, der Pferdefuß des jüngsten Deals: Die Gewerkschafter haben sich mit recht mäßigen Lohnerhöhungen abspeisen lassen - weil sie als Gegengeschäft ein einheitliches Lohnschema bekommen haben.

Mäßig ist der Abschluss deshalb, weil heuer laut Wirtschaftsforschern die Geldentwertung 2,1 Prozent erreichet, was die Kaufkraft deutlich schmälern, gleichzeitig aber die Arbeits-Produktivität um 1,4 Prozent steigern wird. Das Institut für Wirtschaftsforschung spricht daher von einem "vorsichtigen", sogar das Institut für Höhere Studien von einem "durchaus gemäßigten Abschluss". Das ist erfreulich und alles andere denn schlimm, wenn nicht der Metaller-Abschluss ein ganz besonders gewichtiger wäre: Sein Ausmaß ist seit Jahren die Richtschnur für alle anderen Branchen des Landes. Größere Lohnerhöhungen als bei den Metallern lassen auch andere Kollektivvertragsrunden nicht erwarten. Zumal einzig die Industrie zur Zeit Hochkonjunktur hat und am besten verdient.

Die nachfolgenden Lohnrunden werden eher noch schmäler ausfallen. Und das ist für die ohnehin schon vom Ölpreis und seinen Folgen arg zerzauste Kaufkraft alles andere denn günstig. Die verunsicherten Konsumenten sparen eh schon wie die Weltmeister und sorgen vor, was das Börsel hergibt. Der Privatkonsum bleibt die Achillesferse der Konjunktur. Er sollte über höhere Lohnabschlüsse als bei den Metallern genährt werden. ****

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