WirtschaftsBlatt Kommentar: In Amerika schlug auch die Stunde Europas - von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Die amerikanischen Wähler haben egal, wie ihr Präsident nach Besichtigung und Durchleuchtung der letzten auszuzählenden Stimme heissen wird deutlich konservativ gewählt. In Krisenzeiten neigen Menschen dazu, sich um einen Führer zu scharen, der ein holzschnittartiges Konzept vorlegt. George Bush entspricht diesem Bedürfnis. Sein Verständnis von den Aufgaben und Möglichkeiten der Supermacht USA hat sich so sehr in den Menschen festgesetzt, dass in den nächsten vier Jahren selbst ein Präsident John Kerry nur mit dem Nachdruck von Fliegenbeinen handeln könnte, wenn er neue Akzente setzen wollte. Die Europäische Union ist angesichts dieser amerikanischen Signale in einer seltsamen und zwiespältigen Lage. Ihre Bürger können sich schon deshalb um keinen Führer scharen, weil die EU das Führerprinzip aus guten Gründen institutionell nicht vorsieht. Entscheidend aber: Die EU hat gegenwärtig keine Persönlichkeit vorzuweisen, der man staatsmännische Qualität im europäischen Massstab zuschreiben würde. Spätestens seit dem Sturz des deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl herrscht nationale Mittelmässigkeit. In Amerika hat ein George Bush in seiner Mediokrität fast schon Charisma. In Europa plustern sich Drittrangige wie Berlusconi, Blair und auch Schröder zu Legislaturperioden-Jongleuren auf und versumpfen in der jeweiligen Provinz ihres Landes. Gibt es einen Ausweg? Vielleicht liegt er vor uns. Die EU hat in den vier Jahren, in denen Präsident Bush eine äusserst problematische Weltpolitik betrieb, nicht nur fatale Rückschläge gehabt. Sie erzielte mindestens drei grosse Erfolge, die den kontinuierlichen Reifeprozess dieser Staatengemeinschaft beweisen: Einführung des Euro-Geldes, Einigung auf die neue Verfassung, Erweiterung der Union auf 25 Staaten. Es hat keinen Sinn, ewig darüber zu klagen, dass die EU noch nicht weiter ist. Von Krise zu Krise gewinnt sie an Form, und es wird auch wieder einen Frühling für "grosse Europäer³ geben. Die gemeinsame Aussenpolitik ist jetzt das entscheidende Thema, an dem sich die EU zu bewähren hat: als ausgleichendes und zur Diskussion bereites Element in einer verfahrenen globalen Situation. Das ist Europas USP, die Welt kann ihn brauchen. Europa hat anderen Regionen eine politische Kultur zu bieten, die der demokratischen Partei der USA zumindest vorübergehend durch Umstände und Zeitströmungen abgekauft wurde.

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