"Kleine Zeitung" Kommentar: "Hoffnung auf bessere Zeiten und Furcht vor dem Ungewissen" (Von Charles Landsmann)

Ausgabe vom 29.10.2004

Graz (OTS) - Die Verunsicherung ist gewaltig. Es gibt Furcht vor
dem Ungewissen, vor Gewalt, aber es gibt auch Hoffnung auf bessere Zeiten. Jassir Arafats schwere Erkrankung erfordert von Freund und Feind ein Überdenken der Situation und vor allem, sich Gedanken zu machen für die Zeit nach Arafats Tod oder zumindest seinem Abschied von der Macht.

Für die Palästinenser ist und bleibt Arafat zu Recht die einzigartige Symbolfigur. Er erscheint unersetzbar. Nicht nur für Israel hat er sich selbst - mit kräftiger israelischer "Hilfe" - vom Verhandlungs-und Abkommenspartner zum Fortschritts-Verhinderer und Friedens-Blockierer gewandelt.

Ohne Arafat wären die überfälligen Reformen des palästinensischen Herrschaftsapparates vielleicht möglich. Ob es allerdings den künftigen Verantwortlichen für den Sicherheitsbereich gelingen wird, die palästinensischen Extremisten unter Kontrolle zu bringen, darf bezweifelt werden.

Arafats politischer Tod - ohne dass es sein physischer sein muss -könnte sich als so etwas wie ein Elektroschock zur Wiederbelebung der in der Agonie steckenden "Roadmap" erweisen, der Strassenkarte zum Frieden im Nahen Osten.

Ohne Arafat fällt Ariel Sharons Dogma in sich zusammen, es gäbe keinen vertrauenswürdigen Partner auf palästinensischer Seite für Dialog, Verhandlungen und Abkommen. Wer immer Arafats Nachfolge antritt, kann von Israel nicht mit dem Kains-Mal versehen werden wie Arafat.

Der Abzug der israelischen Armee und die Räumung der Siedlungen im Gazastreifen müsste dann mit den Palästinensern wirklich ausgehandelt und könnte daher von viel grösserer Bedeutung werden. Aber anderseits kann die veränderte Situation auch zu einer unerwünschten Verzögerung führen: Arafats Erkrankung lässt die Siedler wieder hoffen.

Diesen unterschiedlichen Hoffnungen stehen die Befürchtungen über das sich abzeichnende Machtvakuum, über die bereits hinter den Kulissen tobenenden Nachfolgekämpfe, über das die palästinensische Gesellschaft erschütternde Erdbeben gegenüber. Ein "gewalterfülltes Chaos" befürchtete die kluge Arafat-Kritikerin Hannan Ashrawi, nachdem sie gestern den Schwerkranken besucht hatte.

Offen bleibt die Frage nach dem Ausmass der Gewalt und des Chaos. Beides können die Palästinenser weniger denn je gebrauchen. Und daher klammern sich die meisten Menschen in dem geschundenen Land an die Hoffnung, dass Arafat doch wieder gesund wird.****

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