"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Brisanz in Nahost" (Von Monika Dajc)

Ausgabe vom 29. Oktober 2004

Innsbruck (OTS) - Harte Fakten und Gerüchte um Jasser Arafats Befinden lassen mit neuer Bange nach Nahost schauen. Politisch hat der eigenwillige Mann mit dem Stoppelbart schon seit geraumer Zeit kaum mehr etwas bewirkt. In seiner Symbolkraft liegt indes viel Bedeutung und Brisanz.
Vor Jahrzehnten war es Arafat, der mit Pistole und Ölzweig in der UNO auftrat, der Welt die Existenz der Palästinenser bewusst machte. Wer, wie Bruno Kreisky, dem Palästinenserführer Wege ebnete, machte sich nicht zwangsläufig Freunde. Arafat, so wurde bekräftigt, sei ein Terrorist, dem am Verhandlungstisch nicht zu trauen sei.
Wird die Nachfolge ein Thema, dann muss es um den überfälligen Schritt der Palästinenser zu geordneter Politik mit Macht und entsprechender Kontrolle gehen. Eine lohnende Aufgabe auch für die EU, die so gerne im Nahen Osten eine bedeutendere Rolle spielen möchte, es bisher bei gutem Zureden und Geld-überweisungen bewenden ließ.
Manche der möglichen Arafat-Nachfolger dünken sich stark, überzeugende Qualitäten in erforderlicher Zahl hat keiner. Das System des Präsidenten und PLO-Chefs ist bis heute fern demokratischer Strukturen, Widerspruch nicht opportun. Wiederholt wies Arafat den logischen Wechsel in Amt und Generation brüsk als Beleidigung von sich. Mit dem Ergebnis, dass politische Talente im Schatten des rastlosen Einzelkämpfers verkümmerten und radikale Kräfte immer öfter auf eigene Faust handelten. Eklatante Fehler des Mannes mit historischen Verdiensten blieben somit von sachlicher Auseinandersetzung und Rechtfertigung ausgenommen. Der Frust bei vielen Palästinensern wuchs beträchtlich.
Historische Wendepunkte bringen mitunter ungeahnte Impulse. Die Palästinenser gehen geschwächt in eine weitere Bewährungsprobe. Israel wird nicht zögern, die Entwicklung in seinem Sinne unter Kontrolle zu behalten.

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