Rede von Bundespräsident Dr. Heinz Fischer anläßlich des Nationalfeiertages im ORF im Wortlaut

Wien (OTS) - Sperrfrist: 26.Oktober 2004, 15.00 Uhr!

Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Liebe Österreicherinnen und Österreicher!

Heute, am 26. Oktober, ist unser österreichischer Nationalfeiertag. Und es ist das erste Mal, dass ich als österreichischer Bundespräsident aus diesem Anlass einige Worte an Sie richten darf. Zunächst darf ich mich noch einmal für das Vertrauen bedanken, das Sie mir geschenkt haben und ich bemühe mich dieses Vertrauen so gut ich kann zurechtfertigen.

Gar nicht so selten bin ich in letzter Zeit gefragt worden, warum wir eigentlich einen Nationalfeiertag brauchen.

Ich denke, dass ein Nationalfeiertag im Leben eines Staates irgendwie vergleichbar ist mit einem Feiertag im Leben eines Menschen. Es ist ein Tag, wo man sich an ein denkwürdiges Ereignis erinnert, wo man ein bisschen innehält und versucht sich auf Wesentliches zu besinnen.

Fast alle Völker dieser Welt haben Nationalfeiertage und meistens erinnern sie an ein Ereignis, das zur Staatsgründung beigetragen hat, an eine Revolution, an einen großen militärischen Sieg, an eine historische Persönlichkeit oder Ähnliches.

Der österreichische Nationalfeiertag ist kein pompöses Datum, er erinnert an keine Schlacht, er erinnert an keine Revolution, an keinen Sieg über andere Völker.

Der österreichische Nationalfeiertag erinnert uns daran, dass am 26. Oktober 1955 das Verfassungsgesetz über die österreichische Neutralität beschlossen wurde und dass bis zu diesem Datum (aufgrund des Staatsvertrages) die Besatzungssoldaten der alliierten Mächte Österreich verlassen mussten. Damit erinnert unser Nationalfeiertag indirekt auch an den österreichischen Staatsvertrag.

Unser Nationalfeiertag ist daher ein Tag des Friedens, der Freiheit und der Demokratie.

Und da dies Werte sind, die uns verbinden, ist unser Nationalfeiertag ein Tag, der das Gemeinsame und unsere gemeinsame Verantwortung in den Vordergrund stellt.

Dieser Grundsatz verbindet uns und darüber hinaus gibt es weitere Gemeinsamkeiten, die wir uns am Nationalfeiertag ganz besonders ins Gedächtnis rufen sollten.

z.B. unsere gemeinsame Verantwortung für die sozial Schwächeren; für diejenigen, die am Rande unserer Gesellschaft leben.

Ich weiß schon, dass Österreich nicht die sozialen Probleme ganz Europas oder gar der ganzen Welt lösen kann. Das ist völlig klar.

Aber wir können versuchen gegenüber denjenigen fair und gewissenhaft zu handeln, die hier und jetzt vor unseren Augen in Not sind. Das gilt auch für Flüchtlinge. Auf diesem Gebiet müssen wir auch um ein entsprechendes Klima im Land bemüht sein. Wegschauen gilt nicht. Das ist einer der Gründe, warum ich die Arbeit von Caritas oder Volkshilfe, Evangelische Diakonie, Rotes Kreuz und auch andere Organisationen ausdrücklich unterstütze! weil sie durch ihr Beispiel bemüht sind ein brüderliches, ein faires Klima zu schaffen.

Es ist eine alte, aber wichtige Beobachtung: die Qualität einer Gesellschaft erkennt man daran, wie sie mit den Schwächsten in ihrer Mitte umgeht.

Meine Damen und Herren!

Ich habe gemeint, dass ein Nationalfeiertag das Gemeinsame in den Vordergrund rücken soll. Deshalb füge ich hier auch den Wunsch an, dass wir uns in Österreich verstärkt um eine gemeinsame Außenpolitik, um Gemeinsamkeit in der Außenpolitik bemühen sollten.

Auseinandersetzungen um einen NATO-Beitritt Österreichs haben uns von Gemeinsamkeiten in der Außenpolitik weggeführt. Ich habe den Eindruck, dass die Zahl derer, die einen Beitritt zur NATO befürworten geringer geworden ist und dass das Bekenntnis zu einer gemeinsamen, friedlichen europäischen Zukunft stärker geworden ist. Wodurch auch die Chancen für eine Außenpolitik auf möglichst breiter Grundlage größer geworden sind. Das ist positiv und wichtig.

In 14 Monaten wird Österreich für ein halbes Jahr den Vorsitz in der Europäischen Union übernehmen. Gerade da sollten wir bei wichtigen Fragen möglichst mit einer Stimme sprechen. Und das sollte auf der Basis einer gemeinsamen erarbeiteten Linie geschehen. Ich werde mich jedenfalls in diesem Sinne bemühen, meinen Beitrag dazu zu leisten.

Meine sehr geehrten Damen und Herren zum Abschluss!

Ein Nationalfeiertag ist natürlich auch ein patriotisches Datum. Ein Datum der Verbundenheit mit Österreich. Damit stellt sich auch die Frage nach dem Stellenwert des Patriotismus in Gegenwart und Zukunft. Schließlich ist dieses Wort in der Vergangenheit oft in schamloser Weise missbraucht worden. Meine Meinung dazu ist klar und eindeutig:
Wir haben allen Grund auf Österreich stolz zu sein, das Aufbauwerk der II. Republik zu bewundern und uns hier verwurzelt zu fühlen. Ein Patriotismus, der das eigene Land schätzt, sich zu seiner Geschichte mit allen Höhen und Tiefen bekennt, seine Kultur pflegt und fördert ist etwas sehr Positives, wenn man in gleicher Weise auch andere Länder, andere Kulturen, andere Menschen gelten lässt und anerkennt. Ein Patriotismus, der den Stolz auf das eigene Land mit Vorurteilen gegen andere Menschen, Abwertung anderer Kulturen, Feindseligkeit gegen andere Religionen verbindet ist kein Patriotismus, sondern Chauvinismus. Unser Menschenbild, das von der Gleichwertigkeit aller Menschen ausgeht ist mit Chauvinismus nicht vereinbar.

Daher ist unser österreichischer Nationalfeiertag ein Nationalfeiertag der Weltoffenheit, ein Nationalfeiertag des Friedens, mit einem Wort ein rot-weiß-roter Nationalfeiertag, den wir in einem Europa feiern, in dem unsere Nachbarn auch unsere Freunde sind.

Ich danke Ihnen.

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