"Kleine Zeitung" Kommentar: "Luft- und Tauschgeschäfte zur politischen Klimaverbesserung" (Von Helena Wallner)

Ausgabe vom 23.10.2004

Graz (OTS) - Es ist vollbracht: Gestern Nachmittag ratifizierte
das russische Parlament das Klimaschutzabkommen von Kyoto - bei der absoluten Mehrheit der Kreml-treuen Partei in der Duma keine wirkliche Sensation. Aber Wladimir Putin kann sich fortan als der Mann, der der Welt den Segen eines verbesserten Klimaschutzes bringt, feiern lassen.

Nachdem die USA bereits 2001 dem 1997 in Kyoto geschmiedeten Abkommen der Industrienationen, den Ausstoß der Treibhausgase bis zum Jahr 2012 um 5,2 Prozent unter den Stand von 1990 zu drücken, den Rücken gekehrt hatten, war Russland der Strohhalm der politischen Klimaschützer. Das Protokoll tritt nämlich weltweit erst in Kraft, wenn die beteiligten Industrienationen für zusammen mindestens 55 Prozent des weltweiten Ausstoßes der gefährlichen Klimagase verantwortlich sind.

"Russland wird in die Geschichte eingehen", jubelte die russische Umweltorganisation "Ecodefence", für die der Staat an sich nur Schikanen übrig hat. Die heile Umwelt dürfte auch das Letzte gewesen sein, was den Kreml-Chef zu diesem Klima-Schritt bewogen hat.

Vielmehr handelt es sich um schlichten Tauschhandel mit der EU, die im Gegenzug die Unterstützung für den russischen Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) zusicherte, sollte Putin den Herzenswunsch der Europäer erfüllen helfen. Dass es just jetzt zum Kyoto-Deal kam, hängt wohl mit dem verheerenden Echo im Zuge der russischen Terrorbekämpfung zusammen, der Kreml-Boss brauchte dringend eine Imagepolitur.

Mag der Zweck auch die Mittel heiligen, im allgemeinen politischen Jubel gehen unterdessen die Einwände der Fachwelt unter, die gehörige Zweifel an der Wirksamkeit des politisch-moralischen Prestigeprojektes Kyoto äußern. Selbst wenn das Protokoll vollständig umgesetzt würde, wären die Auswirkungen auf das Klima minimal, mahnen Forscher. Sie fragen, ob wirklich Unsummen für die Kohlendioxid-Reduktion ausgegeben werden sollen, damit der Wasserstand in Bangladesch in 100 Jahren um zehn Zentimeter weniger ansteigt, oder ob den Menschen nicht wirkungsvoller geholfen wäre, schon heute Schutzbauten zu finanzieren.

Was bei dem sich über Jahre hinziehenden Luftkampf übersehen wurde:
Die rasant wachsenden Schwellenländer sind in die Reduktionsverpflichtung nicht einbezogen. Dabei ist etwa China bereits heute der zweitgrößte Kohlendioxid-Emittent der Welt und wird die viel geschmähten USA bald überholen. ****

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