DER STANDARD-Kommentar "Ihre Partei heißt Schüssel" von Gerfried Sperl

Ursula Plassnik blieb in ihren ersten Interviews politisch ziemlich blass - Ausgabe vom 23./24.10.2004

Wien (OTS) - Rebellisches ist von einem Außenminister nie zu hören. Sogar Joschka Fischer tut so, als wäre er nie und nimmer ein Berufsdemonstrant gewesen. Also war auch von Ursula Plassnik nicht zu erwarten, dass sie als Politikerin gleich in den ersten Tagen ein eigenwilliges Profil entwickelt. Verblüffend ist, dass sie sich so gab, als hätte sie bloß innerhalb der Diplomatie auf einen schwierigeren Posten gewechselt. Sie will sich nicht einmal als Politikerin verstehen, sondern - so wie vor ihrem geschickt gewählten Pseudoasyl in Bern - als eine gehobene Mitarbeiterin des Bundeskanzlers.

So sehr zurückgenommen hat sich seinerzeit nicht einmal Willibald Pahr, jener Außenminister Bruno Kreiskys, von dem jeder wusste, dass er bloß ein "Foreign Secretary" war. Ursula Plassnik als der Willibald Wolfgang Schüssels? Alle Äußerungen der Neuen sprechen dafür. Sie sieht ihre einstige Arbeit im Kanzleramt als Exekutivkraft des Regierungschefs - unabhängig von der jeweiligen Zusammensetzung der Koalition. Diese Haltung gelte auch für die jetzt begonnene Funktion.

Das heißt, sie bewertet die Änderung außenpolitischer Optionen überhaupt nicht. Selbst sehr massive nicht, wie sie beispielsweise durch die Hereinnahme der Haider-Partei ins Schüssel-Kabinett entstanden sind. Für sie ist der Kanzler und ÖVP-Chef Auftrag und Schutz zugleich.

Da sie ihre Politik, was immer das ist, "den Menschen" verständlich machen will, hat sie erste Interviews im Boulevard platziert. Und ihre Sätze mit allen nur erdenklichen Wortklischees gespickt. Sie wird unentwegt in einen Dialog treten, sich freuen, wenn alle kooperieren, aber komplex wird’s schon sein.

Bei "den Menschen" wird das sicher gut ankommen. Umso mehr, als ja jetzt alle wieder neutral sein wollen, obwohl noch vor kurzem alle "Neutralisten" Fortschrittsgegner und Feinde des Westens waren. Samt der Neutralität gehörten sie doch in den Tabernakel der Geschichte (Anlehnung an ein Zitat des verstorbenen Thomas Klestil). Die Irrungen und Verwirrungen der internationalen Politik sind tatsächlich so "komplex", dass es im Routinebetrieb nicht auffallen wird, ob Plassnik farbig oder simpel redet. Die Nagelprobe kommt erst bei der nächsten Krise. Wie verhält sich Österreich? In solchen Momenten geht es nicht nur darum, den "Kern des Problems zu erkennen" (Ihr Mentor, Botschafter Gregor Woschnagg), sondern auch die richtigen Schritte zu tun.

"Schüssels Wunderwaffe" (Hans Rauscher) ist im Infight ziemlich erfolgreich, in ihren Einschätzungen gekonnt. Wie sehr sie sich jedoch vor der wirklichen Bühne gefürchtet hat, erschließt sich aus einem der allerersten Interviews. Sie hat sich einer Frau anvertraut, von der sie keine heiklen politischen Fragen erwarten musste.

Ihre Methode: sich schrittweise den wirklichen Problemen nähern. Deshalb auch Schüssels Auftrag, zunächst einmal "Europaminister" zu sein. Da kennt sie die Fragen, da kennt sie die Spieler. Umso mehr, als ihr Benita Ferrero- Waldner viel über die Vorgänge in Nicht-EU-Staaten wird erzählen können. Synergieeffekte.

Damit und mit der Vorbereitung der österreichischen EU-Präsidentschaft wird das Jahr 2005 vergehen. Während der Präsidentschaft selbst kann das Team Schüssel/Plassnik glänzen und damit viel für die Machtsicherung des Regierungschefs bei den Neuwahlen im Herbst 2006 tun.

Innerlich wird sich Wolfgang Schüssel sicher über Karl-Heinz Grasser ärgern. Diese Homepageaffäre hätte er doch nicht notwendig gehabt. Denn mit zwei so feschen Menschen im Knopfloch kann bei einer Wahl eigentlich nichts schief gehen.

Noch dazu, da die SPÖ ein unentschiedenes und zerrissenes Bild zugleich bietet. Wären da nicht Van der Bellens Grüne, die wechselweise eine der Großparteien attackieren, man könnte glauben, es gebe keine Opposition. Plassnik ist so nett und so neutral, dass sie alle Lager in sich vereint.

Eine Präsidentschaftskandidatin für das übernächste Mal.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST0001