"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Den Feiertag gerettet" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 23. Oktober 2004

Innsbruck (OTS) - Das war knapp, aber es ist geschafft: Die Neutralität und damit der Staatsfeiertag sind gerettet. Von den vielen tatsächlichen, möglichen und nötigen Debatten erspart sich Österreich zumindest eine, nämlich jene über die Nation und ihren Feiertag.
Der Nationalfeiertag, jeweils am 26. Oktober, dient entgegen mancher Annahme nicht dem Gedenken an den Abzug des letzten Besatzungssoldaten im Jahr 1955. Der letzte Besatzungssoldat verließ Österreich schon tags zuvor, am 25. Oktober 1955. Zudem war es ein Engländer, die sowjetischen Soldaten zogen am 19. September 1955 gänzlich ab. Am 26. Oktober 1955 wurde das Neutralitätsgesetz beschlossen, und dessen wird seither gedacht. Zuerst als Tag der Fahne, ab 1965 als Nationalfeiertag. Wer die Neutralität entsorgt und den NATO-Beitritt wünscht, hätte einen neuen Staatsfeiertag vorzuschlagen. Die Diskussion darüber wäre eine politische Polemik, die wahrscheinlich zu nichts geführt hätte.
Eine Mehrheit der Bevölkerung empfindet Österreich als Nation. Endlich, ist man versucht zu sagen. Aber diese Haltung festigt sich erst seit den achtziger Jahren. Zuvor dominierte, wovon heute noch Reste zu spüren sind. Die Teilung des Landes in politische Lager, in Mächtige und Ohnmächtige, in Täter und Opfer, in Oben und Unten, in Hauptstädter und Provinzler, in Verdränger und Vergangenheitsbewältiger.
Die Zeit heilt viele Wunden, sollte allerdings nicht das Gedächtnis löschen. Historische Schritte der Verständigung und Versöhnung wurden gesetzt, um den Staat und seine Bürger mit den Brüchen ihrer Geschichte und den Widersprüchen ihrer Identität etwas zu versöhnen. Das ist schon einiges, aber zu mehr hat es nicht gereicht.
Der Konvent, welcher derzeit eine neue Verfassung berät, wird seiner Aufgabe wahrscheinlich nur beschränkt gerecht. Die Neutralität soll darin aufgenommen werden. Das entspricht der Meinung des überwiegenden Anteils der Bevölkerung. Und es erlaubt ruhige Feiern im großen Gedenkjahr 2005, wenn das Kriegsende in das sechzigste und der Staatsvertrag in sein fünfzigstes Jubiläumsjahr gehen. Der Österreicher, so befand der legendäre Kabarettist Karl Farkas, sei eben ein Mensch, der zuversichtlich in die Vergangenheit blicke.
Die Republik wird sich also an bewährten historischen Tagen feiern, sollte aber Zweierlei bedenken: Das Land ist nicht eine kleine Welt, sondern Teil einer großen. Und die Politik möge nach vorne blicken, damit die Nation auch eine Zukunft hat.

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