"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Verdammt spät"

(Von Michael Sprenger) Ausgabe vom 12. 10. 2004

Innsbruck (OTS) - Endlich, wenn auch verdammt spät. 60 Jahre verweigerte das Verteidigungsministerium Oberstleutnant Robert Bernardis jede Ehre. Seit Jahren wurden die immergleichen Ausreden vorgebracht: Österreich existierte im Jahre 1944 nicht, Bernardis war Mitglied der deutschen Wehrmacht und war auch Mitglied der NSDAP. Der wahre Grund aber lag vielmehr in der so genannten Traditions- und Denkmalpflege des Bundesheers. Und gegen diese verstieß Bernardis, weil er bei sich die humanistische Pflicht höher angesiedelt hatte als jene der vielbeschworenen Pflichterfüllung. Und für diese seine Pflichterfüllung wurde er nach einem Schauprozess gehängt.

Auch wenn sich der Wunsch nach einer Kaserne, die den Namen des Widerstandskämpfers tragen sollte, nicht so rasch erfüllen wird, erinnert wenigstens nun ein Denkmal an den gebürtigen Innsbrucker und engsten Mitarbeiter von Hitler-Attentäter Oberst Claus Graf von Stauffenberg. 60 Jahre lang musste auch die Witwe des Ermordeten auf Anerkennung warten. 60 Jahre ist hierfür eine lange Zeit.

Österreich tut sich immer noch sehr schwer, mit seiner Vergangenheit anständig umzugehen. Man will nicht wissen - das Land will seine selige Ruhe haben, könnte man glauben.

Trotzdem. Es gilt bei aller Kritik Verteidigungsminister Günther Platter und Bundespräsident Heinz Fischer dafür zu danken, dass sie den langen Schatten der Zweiten Republik hinter sich gelassen haben und mit dieser besagten Traditionspflege des Bundesheers endlich aufgeräumt haben. Immerhin hatte diese Traditionspflege bislang keine Probleme damit gehabt, dass ehemaligen Offizieren der Waffen-SS ohne weiteres eine Fortführung einer Bundesheer-Karriere ermöglicht worden ist. Es gilt nun zu hoffen, dass Robert Bernardis seinen festen Platz im Bundesheer bekommt. Endlich. 60 Jahre nach dem versuchten Tyrannenmord.

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