"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Grenzschranken sind weg - die Balken vor den Augen nicht" (Von Reinhold Dottolo)

Ausgabe vom 12.10.2004

Graz (OTS) - Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben - und Kärntner Politiker nicht vor dem 10. Oktober. Am Vorabend des Feiertages, der an die Volksabstimmung im Jahre 1920 erinnert, durch welche die Landeseinheit erhalten werden konnte, war noch europäischer Geist verbreitet worden. Nach der EU-Erweiterung sei es nun möglich in Frieden, Freiheit und guter Nachbarschaft zu leben, hatte Landeshauptmann Jörg Haider in Erinnerung an die damals verhinderte Einverleibung Unterkärntner Gebiete durch Jugoslawien mitgeteilt. Und hinzugefügt, es gelte heute, eine "Zukunft ohne Feindbilder und Vorurteile" aufzubauen.

Anderntags, als im Klagenfurter Landhaushof des Abwehrkampfes gedacht wurde, wähnte man sich allerdings wie durch eine Zeitreise in die Vergangenheit versetzt. Redner des Kameradschafts- und Abwehrkämpferbundes wetterten unisono gegen den "Chauvinismus und Nationalismus", der von Slowenien aus drohe. Dass es Ähnliches wohl auch hierzulande gibt, war keiner Erwähnung wert. Der Sprecher des Kärntner Heimatdienstes sah sein Bundesland gar durch die wirtschaftlich orientierte EU-Region Kärnten-Slowenien-Friaul bedroht, die gemeinsame geopolitische Standortvorteile nutzen soll. Er forderte eine Volksabstimmung (!) über dieses "Mult-Kulti"-Projekt. Alle Firmen, die mit wachsenden Exporten in den Alpe-Adria-Raum Arbeitsplätze in Kärnten sichern, werden diesen richtungsweisenden Vorstoß mit Interesse registriert haben.

Mögen die Grenzschranken also gefallen sein, die Balken vor manchen Augen sind noch vorhanden. Offensichtlich auch beim zuvor noch europäisch gesinnten Landeshauptmann. Im Konzert mit den anderen sprach er - weniger staatsmännisch - den Slowenen in Kärnten das Recht auf jede weitere zweisprachige Ortstafel ab. Ungeachtet der Tatsache, dass 148 zusätzliche Tafeln in Verhandlungen mit der Volksgruppe bereits außer Streit standen, von dieser aber - leider -nicht akzeptiert wurden. Den Vogel schoss Haider aber mit dem Vorschlag ab, die vielzitierte "Karawankengrenze" nun in der Kärntner Landesverfassung festschreiben zu wollen.

Man rekapituliere: Die Volksabstimmung ist 84 Jahre her, der Eiserne Vorhang vor mehr als einem Jahrzehnt gefallen, der Tito-Kommunismus lange passe, die Grenzen Österreichs sind in der Bundesverfassung festgeschrieben, sie waren noch nie so wenig bedroht wie jetzt. Und dann so ein Vorschlag. Wer, fragt man sich resignierend, ermöglicht Kärnten endlich eine Zeitreise in die Zukunft? ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001