- 11.10.2004, 19:29:08
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Grenzschranken sind weg - die Balken vor den Augen nicht" (Von Reinhold Dottolo)
Ausgabe vom 12.10.2004
Graz (OTS) - Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben - und
Kärntner Politiker nicht vor dem 10. Oktober. Am Vorabend des
Feiertages, der an die Volksabstimmung im Jahre 1920 erinnert, durch
welche die Landeseinheit erhalten werden konnte, war noch
europäischer Geist verbreitet worden. Nach der EU-Erweiterung sei es
nun möglich in Frieden, Freiheit und guter Nachbarschaft zu leben,
hatte Landeshauptmann Jörg Haider in Erinnerung an die damals
verhinderte Einverleibung Unterkärntner Gebiete durch Jugoslawien
mitgeteilt. Und hinzugefügt, es gelte heute, eine "Zukunft ohne
Feindbilder und Vorurteile" aufzubauen.
Anderntags, als im Klagenfurter Landhaushof des Abwehrkampfes gedacht
wurde, wähnte man sich allerdings wie durch eine Zeitreise in die
Vergangenheit versetzt. Redner des Kameradschafts- und
Abwehrkämpferbundes wetterten unisono gegen den "Chauvinismus und
Nationalismus", der von Slowenien aus drohe. Dass es Ähnliches wohl
auch hierzulande gibt, war keiner Erwähnung wert. Der Sprecher des
Kärntner Heimatdienstes sah sein Bundesland gar durch die
wirtschaftlich orientierte EU-Region Kärnten-Slowenien-Friaul
bedroht, die gemeinsame geopolitische Standortvorteile nutzen soll.
Er forderte eine Volksabstimmung (!) über dieses
"Mult-Kulti"-Projekt. Alle Firmen, die mit wachsenden Exporten in den
Alpe-Adria-Raum Arbeitsplätze in Kärnten sichern, werden diesen
richtungsweisenden Vorstoß mit Interesse registriert haben.
Mögen die Grenzschranken also gefallen sein, die Balken vor manchen
Augen sind noch vorhanden. Offensichtlich auch beim zuvor noch
europäisch gesinnten Landeshauptmann. Im Konzert mit den anderen
sprach er - weniger staatsmännisch - den Slowenen in Kärnten das
Recht auf jede weitere zweisprachige Ortstafel ab. Ungeachtet der
Tatsache, dass 148 zusätzliche Tafeln in Verhandlungen mit der
Volksgruppe bereits außer Streit standen, von dieser aber - leider -
nicht akzeptiert wurden. Den Vogel schoss Haider aber mit dem
Vorschlag ab, die vielzitierte "Karawankengrenze" nun in der Kärntner
Landesverfassung festschreiben zu wollen.
Man rekapituliere: Die Volksabstimmung ist 84 Jahre her, der Eiserne
Vorhang vor mehr als einem Jahrzehnt gefallen, der Tito-Kommunismus
lange passe, die Grenzen Österreichs sind in der Bundesverfassung
festgeschrieben, sie waren noch nie so wenig bedroht wie jetzt. Und
dann so ein Vorschlag. Wer, fragt man sich resignierend, ermöglicht
Kärnten endlich eine Zeitreise in die Zukunft? ****
OTS0230 2004-10-11/19:29
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