"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Danke, Künstler" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 9. Oktober 2004

Innsbruck (OTS) - Das Nobelpreiskomitee muss Gombrich kennen. Professor Sir Ernst H. Gombrich, 1909 in Wien geboren und 1936 nach London ausgewandert, verdankt die Welt einen großartigen Satz: "Genau genommen gibt es ,die Kunst' gar nicht. Es gibt nur Künstler." So leitet Gombrich sein der Malerei gewidmetes Standardwerk "Die Geschichte der Kunst" ein. Und der Satz gilt, das macht der Literaturnobelpreis für Elfriede Jelinek geradezu amtlich, wohl auch für die Literatur. Diesen Satz zu bedenken, könnte hilfreich sein.

Weite Teile der Künstlerschaft befinden sich im inneren und teils erklärten Widerstand zum amtlichen, zum offiziellen, zum gesellschaftlichen Österreich. Ein Art von Spannungsverhältnis, wie es hier üblich, anderswo hingegen unbekannt ist.

Künstler waren zu häufig dem Mäzenatentum geradezu ausgeliefert. Die Häufung von Geld und Macht in geistlichen und weltlichen Händen, ohne eine breite Schicht an vermögendem und kunstsinnigem Bürgertum, ließ die Künstler zu oft zwischen Abhängigkeit und Eigenständigkeit schwanken. Die Verrottung der Verhältnisse reichte bis hin zur Vertreibung unabhängiger Künstler, der Vernichtung ihrer Werke und der brutalen Instrumentalisierung der Willfährigen unter ihnen durch die Diktaturen des vorigen Jahrhunderts. Die Angepassten dienten der Politik. Daher setzten Künstler und Künstlerinnen, insbesondere jene des Nachkriegs-Österreich, der Inszenierung der Politik durch die Kunst ihre Parole von der Politisierung der Kunst entgegen. Erst recht waren Politik und Kunst einander in herzlicher Abneigung verbunden.

Österreichs Künstlerschaft, insbesondere Autoren, befassten sich nicht nur mit menschlicher Existenz, sondern mit dem Österreicher in seiner Erscheinung als dumpfer Prolet und Banause. Diese Typen, so wurde es vermittelt, seien jederzeit wieder für den Nationalsozialmus anfällig. Dieser ungerechtfertigte Generalverdacht löste immer dann empörte Skandal-Rufe aus, wenn etwa auch die Stücke von Elfriede Jelinek auf die Bloßstellung von Macht und Gewalt abzielten. Man hat einander nicht verstanden. Oder zu gut.

Manche Politiker und Künstler haben trotz des Leidens aneinander ihr Verhältnis entkrampft. Solange es Ungerechtigkeit und Schmerz gibt, solange es in dieser Welt keinen sehnsuchtsfreien Zustand geben kann, bedarf der Mensch neben dem steten Bemühen um Lösung auch des künstlerischen Ausdrucks seiner Lage. Also immer.

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