DER STANDARD-Kommentar ""Gusi" will volksnah werden" von Michael Völker

"Die SPÖ möchte ihren Vorsitzenden neu positionieren - ein riskantes Unternehmen" vom 9./10.10.2004

Wien (OTS) - "Wollen Sie überhaupt Bundeskanzler werden?", fragte unlängst ein Journalist den SPÖ-Vorsitzenden. "Ich will und werde Kanzler werden." Sagte Alfred Gusenbauer. Man tut sich schwer, ihm das abzunehmen. Vor dem Hintergrund der parteiinternen Wirren, des kommunikationstechnischen Fiaskos und der Verzettelung in der Türkei-Frage klingt alleine schon die Willenserklärung wenig glaubwürdig. Entweder ist Gusenbauer falsch positioniert - oder sein Team.

Anstatt in die Offensive zu gehen, die Leute anzusprechen und die Regierung anzugreifen, steht Gusenbauer derzeit mit dem Rücken zur Wand. Er muss sich für die schlechte Kommunikation in der Partei rechtfertigen und zum hundertsten Mal die Türkei-Linie erklären. Was er beim Parteivorstand durchgeboxt hat, nämlich die Festlegung gegen Beitrittsverhandlungen, ist erstens wenig realistisch, zweitens in der SPÖ nicht abgesichert und drittens mit dem bevorstehenden EU-Beschluss im Dezember ohnedies wieder hinfällig.

Was im internen Konzept der SPÖ für die bevorstehende Kampagne "Startklar für Österreich" als Zielvorgabe für ihren Vorsitzenden formuliert wird, liest sich wie das Gegenteil des Eindrucks, den Gusenbauer derzeit vermittelt: "Von einem Kanzler wird Entschlossenheit, Führungsstärke und Durchsetzungskraft verlangt. Er muss die Richtung vorgeben und den eingeschlagenen Kurs halten." Das mag wohl stimmen, es sind aber Attribute, die auf den amtierenden Bundeskanzler zutreffen und nicht mit Gusenbauer assoziiert werden.

Noch nicht. Denn der Herausforderer hat am Freitag den Wahlkampf eröffnet und geht auf Tour. Auf Kanzlertour.

Es ist ein ehrgeiziges, aber auch riskantes Programm: Innerhalb von eineinhalb Jahren will Gusenbauer alle Bezirke in Österreich besuchen. Begleitet wird diese Tour mit einer groß angelegten Werbekampagne, die allerdings bereits am 29. November zum Parteitag der SPÖ endet. Und wenn nichts schief geht, dann soll dieser Parteitag eine Zwischenstation, im besten Fall das Katapult zur Macht sein.

Der Weg ist allerdings lange und beschwerlich. Er ist körperlich anstrengend, denn Gusenbauer wird in der nächsten Zeit permanent unterwegs sein. Und er ist politisch riskant: Gusenbauer wird kaum in Wien sein. Die Frage ist, ob er auch auf der Tour durch die Gemeinden Präsenz in der Bundespolitik bieten kann. Entscheidend ist aber, ob Gusenbauer überhaupt Erfolg haben wird, am Ende nämlich als volksverbundener Politiker dazustehen, als einer, den man kennt - und den man mag. Schwierig.

Gusenbauer hat eine Schwäche, er kommt medial nicht gut rüber und wirkt wenig sympathisch, und er hat eine Stärke: Er kann im persönlichen Umgang überzeugen. So gesehen scheint die Ochsentour durch Österreich eine richtige Strategie sein. Die Schwerpunktsetzung klingt aber verwegen: Gusenbauer will bei seinen Stationen vor allem auf Wirtschaft und Bildung setzen. Ob Konjunkturzyklus und Elite-Unis beim Arbeiter in der Fabrik und bei der Verkäuferin im Supermarkt so gut ankommen werden, ist fraglich.

Die Stoßrichtung der SPÖ ist jedenfalls klar: Die Regierung im Elfenbeinturm, der "Gusi" beim Volk. Auf der einen Seite steht die Bundesregierung und ihr Kanzler, kalt, unsozial und abgehoben. Auf der anderen Seite die SPÖ und ihr Chef, volksnah, warmherzig und entscheidungsfreudig. Ersteren Eindruck zu verfestigen, das könnte gelingen,da helfen die Proponenten der Regierung fleißig mit.

Die SPÖ hat in den vergangenen Tagen nach außen hin nicht den Eindruck vermittelt, dass sie schon "startklar" sei, wie die Kampagne zu suggerieren versucht. Es liegt nun an Gusenbauer, diesen Eindruck - in vielen Einzelgesprächen, aber auch gegenüber einer breiteren Öffentlichkeit - zu beheben und sich als echte Alternative zu präsentieren. Dazu braucht er langen Atem. Bis November 2006, wenn es überhaupt so lange dauern sollte - sehr langen Atem.

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