Offener Brief der Österreichischen HochschülerInnenschaft

Wien, am 8.10.2004

Sehr geehrte Frau Ministerin Gehrer!

Die Zustände an Österreichs Universitäten sind nicht erst seit dem Wintersemester 2004/05 dramatisch. Wie die aktuellen Beispiele an der Publizistik und Pädagogik Wien zeigen, hat die Österreichische HochschülerInnenschaft nicht etwa aus der Luft gegriffene Bedenken über die derzeitigen verheerenden Studienbedingungen geäußert, sondern nüchtern die aktuelle Situation dargelegt.

Der Aufnahmestopp für Diplomarbeiten und -prüfungen an der Publizistik Wien stellt für die betroffenen Studierenden mehr als nur eine Verlängerung ihres Studiums dar, sondern ist eine neue Hürde, die im Extremfall dem Verlust von Beihilfen und den Abbruch des Studiums bedeuten kann.

Ähnlich stellt sich die Situation an der Pädagogik Wien dar. Durch eine plötzliche Verlängerung der Anmeldefrist für Seminare an diesem Institut haben viele Studierende ihre bereits sicher geglaubten Seminarplätze verloren. Abgesehen davon ist das Anmeldesystem mit der Vergabe von Punkten und Setzung der Wertigkeiten von bestimmten Seminaren mehr ein Roulettespiel als ein seriöses Anmeldeverfahren.

Aber nicht nur an diesen zwei Instituten an der Universität Wien herrschen katastrophale Zustände. So ist die Knock-Out-Prüfung (SIP I) an der Medizinischen Universität Wien nur ein weiteres Beispiel für den Niedergang des österreichischen Universitätssystems.

Auch von anderen Studienrichtungen an verschiedenen Universitäten erreichen uns täglich Nachrichten von überfüllten Seminaren, überlangen Wartelisten oder aufgrund des Budgetmangels nicht angebotenen Lehrveranstaltungen.

Gleichzeitig stehen Tausende ausländische Studierende vor dem Abbruch ihres Studiums, weil für sie ihre akademische Ausbildung durch die plötzliche Zahlung der (doppelten) Studiengebühren (statt der bisherigen Befreiung) nicht leistbar ist.

Wir fragen Sie nun:
Ist diese Situation an Österreichs Universitäten eine, die sie als "WELTKLASSE" bezeichnen würden?
Wenn Sie das ernsthaft noch immer in Erwägung ziehen, dann verschließen Sie Ihre Augen vor der Realität. Nehmen Sie die ideologischen Scheuklappen ab und beziehen Sie Stellung.

Sie sind gefordert, Frau Ministerin, diese Situation nicht schönzureden, sondern endlich zu handeln und den Niedergang des österreichischen Universitätssystems zu stoppen! Die Universitäten brauchen Geld und keine Schönwetter-Worte, das ist unbestritten!

Bildung ist ein wertvolles Gut, das der Gesamtheit einer Gesellschaft zugute kommt, und das jedem und jeder ohne Rücksicht auf finanzieller, ethnischer oder sozialer Herkunft zugänglich sein muss. Nur eine gesicherte Finanzierung durch das Ministerium kann den nachhaltigen Aufbau eines facettenreichen und vielfältigen österreichischen Universitätssystems garantieren.

Wir bestreiten nicht, dass ebenso die jeweiligen Institute und Universitäten gefordert sind, und es unangebracht ist, Schritte wie den Aufnahmestopp von Diplomarbeiten zu setzen, da dies ein Austragen von Streitigkeiten auf dem Rücken von Studierenden bedeutet.
Sie jedoch sind die zuständige Fachministerin und tragen die Endverantwortung für den untragbaren Zustand an Österreichs Universitäten.

Wir, als die gesetzliche Interessenvertretung von über 200.000 Studierenden, halten es weiters für untragbar und wider jeglichem sachpolitischen Umgang, dass Sie uns konsequent jeden Gesprächstermin zur Darlegung unserer Bedenken und der Möglichkeit der Erarbeitung gemeinsamer Lösungsvorschläge verweigern.

Handeln Sie endlich, Frau Ministerin!
Stellen Sie die dringend benötigten finanziellen Mittel für die österreichischen Universitäten zur Verfügung und setzen Sie sich endlich mit den Betroffenen in Verbindung!

Jeden weiteren Tag, den sie untätig bleiben, bedeutet eine Vergrößerung des Schadens für das österreichische Universitätssystem!

ÖH Bundesvertretung
Interessenvertretung von über 200.000 Studierenden

Rückfragen & Kontakt:

Österreichische HochschülerInnenschaft (ÖH)
Andrea Puslednik, Pressesprecherin
Tel.: 01/310-88-80/59, Mobil: 0676 888 52 211
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