"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Verstörendes Glück" (Von Irene Heisz)

Ausgabe vom 8. Oktober 2004

Innsbruck (OTS) - Was für ein außergewöhnlicher und außergewöhnlich glücklicher Tag für das österreichische Geistesleben! Die Verleihung des Literaturnobelpreises an Elfriede Jelinek ist, das betonen die schwedischen Juroren in ihrer Begründung, auch als höchste Auszeichnung für den Beitrag zu werten, den österreichische Schriftstellerinnen und Schriftsteller zur Weltliteratur des 20. Jahrhunderts geleistet haben.

Jelineks schon vielfach preisgekröntes Werk wirkt vordergründig oft obszön, ist tatsächlich jedoch radikal moralisch. Ihre Literatur ist radikal weiblich und feministisch, radikal politisch und radikal österreichisch - weil sie nicht daran denkt, sich mit den politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten zu arrangieren; weil sie sich nie damit begnügt, Symptome des Herrschaftlichen zu schildern, sondern nach den Wurzeln gräbt. Und zuerst und zuletzt ist ihr Schaffen gekennzeichnet von einer radikalen, oft verstörenden Ästhetik. Darin ist Jelinek wie alle großen Schreibenden so unerbittlich und unbeirrbar wie in allen anderen Aspekten ihres Lebens und Schaffens.

Dazu gehört auch, dass sie sich häufig in (politischen) Debatten zu Wort meldet und doch strikt jeder Vereinnahmung entzieht. Dazu gehört, dass sie bei öffentlichen Auftritten mit ehrfürchtiger Scheu behandelt wird und doch vor dem Bad in der Menge der Bewunderer zurückschreckt. Und dazu gehört - diese unselige Tradition ist in Österreich als fast untrügliches Kennzeichen für literarische Bedeutsamkeit zu werten -, dass sie jahrelang auf das Übelste als Skandaldichterin und unbotmäßige Provokateurin verunglimpft wurde und jetzt unter Garantie im Schwitzkasten des Staatsdichterinnentums um Luft ringen wird müssen.

Plötzlich werden alle immer schon gewusst haben, dass sie eine der ganz Großen ist. So gesehen ist es keineswegs als arrogante Koketterie zu betrachten, dass Elfriede Jelinek zu Protokoll gab, sie sei mehr verzweifelt als glücklich über den Preis.

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