• 06.10.2004, 09:23:06
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Gusenbauer und Vidal diskutieren zur US-Wahl

Wien (SK) "Viele Europäer hoffen, dass eine neue amerikanische
Regierung einen anderen politischen Kurs fahren wird", so
SPÖ-Vorsitzender Alfred Gusenbauer am Dienstag bei einer
Veranstaltung der Akademie für Internationale Politik des
Renner-Institutes. Diese bat im Rahmen der Reihe "Voices from
America" den Essayisten, Autor vieler Bücher und intimen Kenner der
amerikanischen Politik, Gore Vidal, zur Diskussion. Vidal
präsentierte seine Thesen aus seinem neuen Buch "Die vergessliche
Nation - Wie die Amerikaner ihr politisches Gedächtnis verkaufen".
Hauptthemen der Diskussion waren die amerikanische
Präsidentschaftswahl - laut Vidal ein "kritischer Moment in der
amerikanischen Geschichte" - und deren Auswirkungen, das
amerikanische Wahlsystem, die Unterwanderung der Demokratie, aber
auch die Türkei-EU-Frage.****

Vidal sparte in seinen Aussagen nicht mit Kritik am amerikanischen
System und attestierte der USA "systemische Probleme": "Wir haben
einen großen Teil unserer Verfassung verloren. Jeder, der in die
Vereinigten Staaten kommt, sieht, dass die Freiheiten nicht mehr
existieren. Das ist sehr schnell geschehen, man braucht nur immer
Zeit, bis man es erkennt". Vidal verwies auf das
"Heimatschutzgesetz", welches die Bürgerrechte der Amerikaner
empfindlich einschränkt. Die Tatsache, dass Amerika "Präventivkriege"
führe, sei "absolut schrecklich". Für ihn, Vidal, stellen sich weder
Republikaner, noch Demokraten als Parteien dar. Er bezeichnete sie
als "Fraktionen, die Macht und Geld an sich reißen" würden: "Es gibt
nur eine Partei, das Eigentum". Auch am Mediensystem, das Bush
unterstütze, übte Vidal Kritik: "Man bekommt keine richtigen
Informationen mehr". Die amerikanischen Medien würden die Menschen
infantilisieren: "Menschen werden vollkommen eingedämmt", empörte
sich Vidal. Er prophezeite dem amerikanischen Imperium den Untergang
und zwar aus Mangel an Geld: "Die amerikanische Staatsschuld ist laut
Weltbank nicht zulässig, wir werden mehr Geld drucken und es kommt
zur Inflation".

Gusenbauer zeigte sich optimistisch, dass die USA unter Kerry einen
anderen Weg beschreiten würden: "Eine Regierung, die den globalen
Konsens anstrebt, wäre willkommen". Er sagte, dass die Mehrheit der
Österreicher, wenn sie das Recht hätten in den USA zu wählen, John
Kerry wählen würde. Europa sei nicht bereit, irgendwelche
abenteuerlichen Übungen irgendwo auf der Welt zu unterstützen: "Das
ist gegen unsere Werte, gegen unsere Überzeugungen und gegen die
öffentliche Meinung", betonte der SPÖ-Vorsitzende und verwies auf
die Probleme, welche die Regierungen von Spanien und England, aber
auch von Polen, durch ihre Positionierung im Irak-Krieg mit der
Bevölkerung haben. Für ihn, Gusenbauer, sei es allerdings keine
Lösung nur die Militärs abzuziehen: "Eine Katastrophe auslösen und
auf Widersehen zu sagen, ist moralisch nicht akzeptabel". Eine neue
amerikanische Regierung müsse sich auch in dieser Frage klar
deklarieren. Vidal vertrat eine andere Ansicht: "Wir können keinem
Land einen Rat geben". Jeder solle sich um seine eigenen
Angelegenheiten kümmern, er, Vidal, forderte: "keine
Steinzeitabenteuer" mehr.

Vidal sparte nicht mit Kritik am amerikanischen Wahlsystem, denn nach
der amerikanischen Verfassung habe das Volk überhaupt kein Recht
darauf, einen Präsidenten zu wählen. Auch die elektronischen
Wahlgeräte betrachtet Vidal mit viel Skepsis: "Man berührt den
Touch-Screen elektronischer Wahlgeräte, das Ergebnis wird angeblich
irgendwo aufgezeichnet und irgendjemand im Hinterzimmer kann es
manipulieren", so Vidal. Er befürchtet, dass das Ergebnis, wie auch
schon bei der letzten Präsidentschaftswahl, verfälscht werden wird:
"Nur wird diesmal schneller ausgezählt und schneller verfälscht
werden", so seine Prognose. Vidal begrüßte an dieser Stelle, dass
Jimmy Carter als Wahlbeobachter fungiert.

"Trotz aller Betrugsmöglichkeiten- und versuche glaube ich doch, dass
gute Chancen bestehen, dass Kerry gewinnt", so Gusenbauer. Die
Amerikaner seien des Krieges müde. "Wenn die Demokraten in der Lage
sind, Kosten und Verluste des Krieges mit lebender Realität der
Amerikaner, wie dem Gesundheits- und Sozialsystem, zu verbinden,
würde das ein starkes Argument für den Wechsel darstellen",
unterstrich Gusenbauer.

"Der einzige Einwand ist, dass es zu viele sind", so Vidal über die
Türkei-EU-Frage und warnte davor, in dieser Frage aus
"religionistischen oder rassistischen" Gründen zu handeln. "Wir
brauchen eine wirtschaftlich und sozial handlungsfähige EU",
argumentierte Gusenbauer. Die Türkei sei ein riesiges und wichtiges
Land und stelle eine Größenordnung dar, wie es sie bis jetzt in der
EU noch nicht gebe. Die Frage sei deshalb auch, ob Europa bereit für
eine Erweiterung dieser Größenordnung sei und wie es mit der Zukunft
der europäischen Integration aussieht: "Es geht um unsere Fähigkeit
zu integrieren und gemeinsam zu handeln und nicht um geographische
Grenzen", unterstrich Gusenbauer. (Schluss) sk

OTS0028    2004-10-06/09:23

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | SPK

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