Der letzte Hort verbohrter Ideologien

"Presse"-Leitartikel vom 5. 10. 2004 von Claudia Dannhauser

Wien (OTS) - Es ist für Politiker noch immer ein ideologischer Streit. Wer zieht die Kinder auf? Wer bleibt zu Haus'? Wer arbeitet, vielleicht nur Teilzeit? ÖVP und FPÖ neigen mit Ausnahmen zur Antwort: gescheiterweise die Frau. Politisch korrekt heißt das dann:
freie Wahl zwischen Beruf und Familie. SPÖ und Grüne heften sich lieber Frauen- als Familienpolitik auf ihre Fahnen. Wenn sich auch so mancher männliche Vertreter wohl insgeheim der schwarz-blauen Linie näher fühlt als jener der eigenen Partei - vor allem in der SPÖ. Einstellungen, die nach wir vor ausschlaggebend sind, wenn der Bedarf an Kinderbetreuungsplätzen erhoben wird. Denn das nun vorliegende Werk des Sozialministeriums ist ein Paradebeispiel dafür, wie man Dinge auch sehen kann, wenn nur die politischen Vorgaben recht eindeutig gestellt werden. Da werden rasch aus 80.000 fehlenden oder mangelnden Kinderbetreuungsplätzen, noch im Vorjahr von der zuständigen Staatssekretärin als realistisch verbreitet, magere 8000 (!).
Da stimmt doch was nicht? Nein, da stimmt was nicht. Sowohl, was die statistische Erfassung, die Datenauswertung als auch was die Rückschlüsse betrifft. Schon allein die Idee, dass der bestehende Durchschnitt (ohne Wien) hergenommen und als der beste zu erzielende Wert verkauft wird, ist schlicht gesagt eine Schnapsidee. Wer sagt denn, dass der derzeitige Durchschnittswert den besten Grad der Versorgung darstellt?
Die Zeiten sind zwar vorbei, in denen jeder Österreicher noch ungeboren für einen Kindergartenplatz angemeldet wurde - mit Glück ab drei, meist ab vier Jahren, halbtags versteht sich. Schließlich stand der pädagogische Wert im Vordergrund, nicht die "Aufbewahrungsanstalt". Oder? Die Zeiten sind aber auch vorbei, in denen sich die meisten Eltern die Betreuung ihrer Kinder wirklich aussuchen können. Wer fragt schon groß nach familienpolitischen Ideologien, der auf ein zweites Einkommen nicht verzichten kann? Welche Mutter bzw. welcher der wenigen Väter sagt leichtfertig nach zwei Jahren Karenz, ich lasse den Job sausen? Das dritte Jahr Kindergeld läuft ohnehin außerhalb des rechtssicheren Rahmens. Nicht nur ein späterer Wiedereinstieg ist schwierig, auch über die Altersversorgung macht man sich nicht grundlos Sorgen.
Kein Bedarf an mehr Kindergarten-, an Hort-, an Krippenplätzen? Am Land gibt's ohnehin genug Hausfrauen und in der Stadt herrscht Überversorgung? Und die in einer anderen Erhebung formulierten Wünsche von Eltern sind bloß überzogene Forderungen ohne Sinn fürs reale Leben? Die Freunde der aktuellen Studie seien an ein klitzekleines Problem erinnert: die rückläufige Geburtenrate hierzulande. Schwarz und Blau übertrumpften sich zwar vor geraumer Zeit noch mit Kinderscheck und Kindergeld. Sie haben aber nach wie vor nicht realisiert, dass man mit kleinen finanziellen Anreizen (und mehr sind 430 Euro monatlich schließlich nicht) keinen Babyboom auslöst, wenn auf Dauer der zweite Verdiener in einer Familie ausfällt.
Alle europäischen Vergleiche zeigen, dass ein einziges Faktum den Ausschlag für eine steigende Geburtenrate gibt: mehr und flexiblere Kinderbetreuungseinrichtungen. Und da sind nicht die vielleicht verdächtigen sozialdemokratisch orientierten Skandinavier voran. Nein, die unverdächtigen Franzosen führen in dieser Statistik. Uns fehlt aber nicht nur der sichere Betreuungsplatz, sondern auch der selbstverständliche Umgang mit dem Nachwuchs: Kein Druck auf karrierebewusste Mütter, kein schlechtes Gewissen bei ebenso orientierten Vätern.

Vielleicht ziehen die heimischen Politiker gemeinsam ihre ideologischen Schranken hoch. Es geht schließlich nicht um Selbstverwirklichung von Eltern (selbst wenn). Man muss auch keinen imaginären Wunschkatalog erfüllen. Wie wär's mit der einfachen Frage im Kindergarten und im Hort: Gab's mehr Interessenten als Plätze? Wenn ja, dann brauchen wir mehr.

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