• 30.09.2004, 16:41:51
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Wirtschaftsblatt-Kommentar "Fingerabdruck der globalen Unfreiheit"

Von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Die Kluft zwischen den Vereinigten Staaten von
Amerika und dem Rest der Welt wird grösser. Die Auseinandersetzung um
Fingerprints reduziert sich ja nicht auf die Sorge, dass die
Einreiseformalitäten auf überfüllten Flughäfen noch unbequemer werden
könnten, als sie schon sind. Als während der Nazi-Diktatur Millionen
von Europäern an Leib und Leben bedroht waren (bis dem Spuk 1945
dankenswerterweise mit vollem Einsatz der amerikanischen Befreier ein
Ende gemacht wurde), da ist vielen Tausenden von Verfolgten die
Flucht ins rettende Ausland aus einem simplen Grund gelungen: In
ihrem Pass war kein "besonderes Merkmal" eingetragen, das Dokument
war für eine missbräuchliche, aber lebensrettende Verwendung
geeignet. Nun ist das allein noch kein Argument gegen präzise
Kontrollmassnahmen, mit denen unter anderem die aktuelle Pest des
Terrors eingedämmt werden soll.

Bloss: Das Misstrauen ist berechtigt. Die totale
Kontrollmöglichkeit setzt die vollkommene Gerechtigkeit der
Ordnungsmacht voraus, die die Kontrolle ausübt. Ist ihre Lauterkeit
nicht gewährt, wird das System ungerecht. Niemand kann glaubhaft
erklären, warum die amerikanische Bürokratie mit Milliarden von
Fingerprints und biometrischen Daten, die in den nächsten 50 Jahren
gespeichert werden sollen, professioneller umgehen sollte, als es die
Geheim-dienste mit ihren Informationen tun. Die Fehlerhaftigkeit
dieser Systeme staatlicher Ausforschung ist evident. Und, noch
beunruhigender: Die USA haben mit den Gefangenen-Käfigen in
Guantanamo, den Foltermethoden im Irak und mit ihrem Kampf gegen
einen internationalen Strafgerichtshof für Völkermord und schwere
Kriegsverbrechen der ganzen Welt gezeigt, dass ihre Gerechtigkeit
abgestuft ist und Falltüren hat. Das wissen inzwischen auch der
britische Premierminister Tony Blair und die Regierungschefs von
Staaten wie Polen und Spanien, die den Amerikanern bereitwillig in
das militärische Abenteuer im Irak gefolgt sind. Sie stehen als die
Blamierten da, ihrer Abkehr vom europäischen Weg ist die Begründung
abhanden gekommen. Fairerweise muss man einschränken, dass "Amerika"
als Ganzes gar nicht so ist. Das stimmt. Aber wenn es von George Bush
repräsentiert wird, der im November mit guten Chancen die Wiederwahl
anstrebt, ist Vorsicht angebracht. Der Mann hinterlässt zu viele
Fingerprints der Unfreiheit.

OTS0260    2004-09-30/16:41

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