Keine Hinweise auf allgemeinen Akademikermangel in Österreich

ibw-Studie weist auf Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtungsweise bei Akademikerquoten im internationalen Vergleich hin

Wien (PWK667) - "Anders als die öffentliche Diskussion in Folge
der OECD-Studie "Bildung auf einen Blick" es vermuten ließe, haben wir in Österreich aktuell keinen Akademikermangel". So fasste der Präsident des ibw, Michael P. Walter, die Ergebnisse der heute vorgestellten aktuellen Studie zum Thema "Hochschulbildung und Arbeitsmarkt - Trendanalysen und internationaler Vergleich" zusammen. Walter ortet einen tiefgreifenden Widerspruch in der öffentlichen Diskussion: "Auf der einen Seite wird mit Bezug auf das Ausland auf eine zu geringe Akademikerquote in Österreich verwiesen, auf der anderen Seite stehen Schlagzeilen über sich verschlechternde Berufsmöglichkeiten der Absolventen."

Für Arthur Schneeberger, Bildungsforscher am ibw und Studienautor liegt der Kern dieses Widerspruchs in einer wenig differenzierten Betrachtungsweise der sehr umfangreichen und breit angelegten OECD-Daten. "Man muss Gleiches mit Gleichem vergleichen", so Schneeberger, damit ein internationaler Vergleich von Absolventenquoten gerechtfertigt sei. "Erstens dürfen nur Abschlüsse mit ähnlicher Gesamtdauer miteinander verglichen werden und zweitens muss die berufliche Entsprechung von Hochschulabschlüssen in den jeweiligen Ländern berücksichtigt werden."

Bei Abschlüssen langer Studiengänge liegt Österreich vorne -Spitzenanteile bei Promotionen

So wurden in Österreich 2001/2002 - im Studienjahr, das den aktuellen OECD-Statistiken zugrunde liegt - fast nur Langstudien an Universitäten abgeschlossen. Diese dauern bis zum ersten Abschluss durchschnittlich 7,2 Jahre. Unter jenen Ländern, die Angaben zu Abschlussquoten in langen Studien gemacht haben, liegt Österreich mit über 15 Prozent deutlich über dem Mittelwert von 13 Prozent. Mit 1,7 Prozent Promotionen am Altersjahrgang liegt Österreich sogar im Spitzenfeld des Ländervergleichs (OECD-Ländermittel: 1,2 Prozent).

Plus 60 Prozent mehr Hochschulabsolventen seit 1991, die jährlich ins Erwerbsleben einsteigen - neue Wege im Berufseinstieg erforderlich

Hinsichtlich des aktuellen Arbeitsmarktes für Hochschulabsolventen spielen zwei Faktoren eine Rolle, so die ibw-Studie:
Zum einen ist das jährliche Neuangebot an Hochschulabsolventen in den letzten Jahren stark gewachsen, und zwar von rund 10.600 im Studienjahr 1990/91 auf knapp 17.100 im Studienjahr 2001/02 (hierbei waren bereits knapp 2.400 FH-Diplome). Dies entspricht einem Zuwachs von fast 60 Prozent. Betrachtet man die Veränderungen nach Fachrichtungen, so wird deutlich, dass die Geisteswissenschaften mit fast 100 Prozent mehr Erwerbspersonen die höchsten Zuwächse zu verzeichnen haben. Wirtschaftswissenschaften haben im Arbeitsmarktangebot um 80 Prozent innerhalb von 10 Jahren zugelegt, die Ingenieurwissenschaften um 70 Prozent.
Auf der anderen Seite stehen die derzeit schwache Konjunktur im privaten Sektor und die Sättigung des öffentlichen und öffentlich finanzierten Beschäftigungssektors, die die Nachfrage nach Hochschulabsolventen bremsen. "Angesichts dessen mutet die Klage nach zu wenigen Akademikern doch überraschend an", wundert sich der ibw-Präsident.

Berufliche Wertigkeit von Hochschulabschlüssen von Land zu Land unterschiedlich

Neben der Struktur der Hochschulstudien muss auch die berufliche Wertigkeit von Hochschuldiplomen berücksichtig werden, die in jedem Land unterschiedlich ist. Die Tätigkeiten der Universitätsabsolventen in Österreich sind laut Volkszählung 2001 zu etwa 80 Prozent als hochqualifiziert einzustufen. 10 Prozent erreichen ein oberes bzw. mittleres Tätigkeitsfeld. Durch die langen Studien wird eine hohe professionelle Spezialisierung ermöglicht und auch entsprechende Erwartungen bei den Absolventen genährt. Ein vergleichbar konzentrierter Übergang nach Sektoren und Berufen gibt es in Ländern mit einer zwei bis drei mal so hohen Hochschulabsolventenquote nicht. In diesen Ländern haben Hochschulabsolventen eine breitere berufliche Einmündung und einen höheren Anteil im privaten Sektor.

40 % Maturantenquote: Mehr Kurzstudien und Angebote für Berufstätige erforderlich, um ein ausreichendes Angebot bedarfsorientierter Bildungsangebote für die Zukunft zu sichern

Die aktuelle Maturantenquote österreichischer Jugendlicher beläuft sich auf rund 40 Prozent (30 Prozent 1991). In allen Ländern wurde das tertiäre Bildungswesen mit dem Anstieg der Studienberechtigtenquote nach und nach diversifiziert, und den Bedürfnissen einer heterogener werdenden Zielgruppe angepasst. Diese Entwicklung hat auch in Österreich bereits begonnen. Insbesondere in den Bereichen Technik und Naturwissenschaften kann man auch künftig von einer wachsenden Nachfrage nach Hochschulabsolventen ausgehen, vor allem in anwendungsbezogenen Bereichen, die nicht notwendigerweise den Abschluss eines traditionellen Diplomstudiums oder gar eines Doktaratstudiums erfordern. Vor allem durch die Fachhochschulentwicklung seit 1994, aber auch die zunehmende Umsetzung des international üblichen dreigliedrigen Graduierungssytems mit den Abschlüssen Bakkalaureus, Magister und Doktor durch die Universitäten wurden hier bereits Schritte gesetzt.

Darüber hinaus zeigt die ibw-Studie auf, dass alle Länder mit hoher tertiärer Bildungsbeteiligung Studien für Berufstätige (Teilzeitstudien) an Hochschulen institutionalisiert haben: So studieren in Finnland 41 Prozent der Hochschüler in Teilzeitstudien, in Schweden sogar 47 Prozent, im Vereinigten Königreich sind es 27, in den USA 25 Prozent. Walter fordert daher: "Weitere Verbesserungsmöglichkeiten bei Studienangeboten für Erwerbstätige und Anrechnungsmöglichkeiten von Vorkenntnissen auch in Österreich." (Ne)

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