Chancen für die "Stiefkinder des Arbeitsmarktes"

Caritas und Volkshilfe Wien fordern geeignete Wiedereinstiegshilfen in den Arbeitsmarkt für Menschen am Rande der Gesellschaft

Wien (OTS) - Für Menschen, die schon sehr lange arbeitslos sind, keine entsprechenden Qualifikationen haben oder - etwa auf Grund einer Suchterkrankung - physisch und psychisch nicht voll belastbar sind, werden die Hürden zurück in den Arbeitsmarkt immer höher, schlagen Caritas und Volkshilfe Wien Alarm.

"Diese Menschen wurden schon früher von der Beschäftigungspolitik stiefmütterlich behandelt. In einer Zeit, in der nur die Vermittlungsquoten zählen, werden sie völlig vergessen", kritisiert Caritas-Generalsekretär Stefan Wallner-Ewald. Pilotprojekte von Nichtregierungsorganisationen in Österreich und in der EU hätten aber gezeigt: "Die Betroffenen können und wollen arbeiten, wenn auch nicht alle in einem Fulltime-Job. Was fehlt, sind geeignete Angebote und Wiedereinstiegshilfen, etwa für Sozialhilfebezieher."

"Wege zur Arbeit"
In Wien versucht das Beschäftigungsprojekt "ways to work", eine Kooperation von Volkshilfe Wien, Heilsarmee, Volkshilfe Beschäftigung und Caritas Wien, SozialhilfeempfängerInnen wieder in das Berufsleben zu integrieren. So stellen die KlientInnen etwa Kleinmöbel und Gebrauchgegenstände aus Holz her oder trennen für eine Recyclingfirma Müll. "Die Nachfrage war mit 850 Personen viel größer als unser Angebot von 150 Plätzen", ortet Walter Kiss, der Geschäftsführer der Volkshilfe Wien, dringenden politischen Handlungsbedarf. "Die Personen bedürfen einer genauen Abklärung ihrer Arbeitsfähigkeit und ihrer Bedürfnisse. Darauf wurde bisher bei der Arbeitsvermittlung kaum oder gar keine Rücksicht genommen. Warum sollte dies künftig nicht die MA 15 als zusätzliche Leistung anbieten?", regt Kiss an.

Auch das Bundesländer-übergreifende Projekt "Integration durch Arbeit" (15 Projekte in fünf Bundesländern) erfreut sich großer Nachfrage. So wurde etwa im Burgenland für arbeitslose Roma ein Wäscheservice eingerichtet, in Wien arbeiten Langzeitarbeitslose in den Secondhand-Verkaufsstellen der Caritas (Caritas-Lager, "Carlas") in Sortierung und Verkauf und verrichten dort auch Tischlerei-Arbeiten. In Salzburg und in der Steiermark werden verschiedenste Dienstleistungen vom Möbeltransport bis zum Jausensevice angeboten. Insgesamt wurden von den neun beteiligten Organisationen bisher über 700 Arbeitssuchende beschäftigt, beraten und qualifiziert.

"ways to work" und "Integration durch Arbeit" werden im Rahmen des Equal-Programmes vom Europäischen Sozialfonds und dem österreichischen Wirtschaftsministerium gefördert.

"Ressourcen bündeln statt institutionelle Schrebergärten" "Unsere Erfahrungen zeigen, dass mit dem Job auch der Selbstwert gestärkt wird, dass eine gesundheitliche, soziale und emotionale Stabilisierung eintritt", so Wallner-Ewald. Die Ergebnisse aus den genannten Pilotprojekten könnten richtungsweisend für eine "dynamisierende Sozialpolitik" sein. Es gehe darum, die Probleme nicht in institutionellen Schrebergärten zu verwalten, sondern Ressourcen zu bündeln. Wallner-Ewald: "Statt Alles-oder-Nichts-Leistungen braucht es gestufte Leistungen, die Schritte in Richtung Wohnfähigkeit, bessere Gesundheit, sorgfältigere Haushaltsplanung ermöglichen und damit die Erwerbsfähigkeit unterstützen."

Insgesamt lässt sich Österreich die aktiven arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen im Jahr etwa 60 Mio. Euro kosten und liegt damit unter dem EU-Durchschnitt. Die EU-Länder geben hier im Durchschnitt 0,66 Prozent der Gesamtwirtschaftsleistung (BIP) aus, in Österreich beträgt der Anteil nur 0,42 Prozent.

Arbeitslosigkeit macht krank
"In Deutschland sind die Bildungsgutscheine der Bundesagentur an eine Vermittlungsquote von 70 Prozent gebunden, die nur noch mit leichter vermittelbaren Fällen erreichbar sind", kritisiert Michael Kastner von der Universität Dortmund. Der Mediziner und Dipl. Psychologe hat die Auswirkungen von langer Arbeitslosigkeit untersucht: "Bei Menschen, die ihren Arbeitsplatz bereits verloren haben oder in ständiger Sorge darum leben müssen, kommt es zu einer dramatischen Zunahme an Erkrankungen." So litten 31 Prozent der von der Uni befragten langzeitarbeitslosen TeilnehmerInnen von Beschäftigungsprojekten an Schlafstörungen (Beschäftigte: 6,7 Prozent), 16 Prozent klagten über Symptome von Herz-Kreislaufstörungen (Beschäftigte: 4,8 Prozent). Viele Langzeitarbeitslose kämpften mit Suchtproblemen (75 Prozent Raucher, 44 Prozent hoher Alkoholkonsum, 18 Prozent nahmen Drogen und 16 Prozent nahmen regelmäßig anregende beziehungsweise beruhigende Medikamente.)

Europäische Lösungsansätze
"Das Problem von benachteiligten Gruppen am Arbeitsmarkt ist ein europäisches", ist Abena Dadze-Arthur vom Zentrum für wirtschaftliche und soziale Integration in London überzeugt . Auf EU-Ebene beschäftigt sich seit 2002 die transnationale Kooperation "Endeavour" im Rahmen des EQUAL-Programmes mit neuen Wegen zur Reduzierung von Diskriminierungen am Arbeitsmarkt. So lag in Frankreich der Schwerpunkt auf der Integration von Obdachlosen, die Iren konzentrierten sich auf Langzeitarbeitslose in Nord- und Westbelfast, die Holländer stellten ethnische Minderheiten und ImmigrantenInnen in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten. Die Ergebnisse werden morgen, Donnerstag, im Rahmen der transnationalen Endeavour-Konferenz in Wien diskutiert. "Nun geht es darum, dass aus diesen wertvollen Erfahrungen nicht nur ein langweiliger Report produziert wird, der irgendwo verstaubt, sondern einer, der sich in den nationalen Aktionsplänen wiederfindet", so die EU-Lobbyistin.

Rückfragen & Kontakt:

Mag. Silke Ruprechtsberger,
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Mag. Elisabeth Dulik
Volkshilfe Wien/Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: 360 64-79
dulik@volkshilfe-wien.at
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