"Die Presse" Kommentar: "Auf der Flucht" (von Thomas Vieregge)

Ausgabe vom 21.9.2004

Wien (OTS) - Vor 15 Jahren flohen die Ostdeutschen in Scharen vor einem verrotteten Regime - bis endlich die Mauer fiel. Nun laufen sie vor den etablierten Parteien davon - in die Hände extremistischer Heilsbringer, "Ostalgiker" und brauner Rattenfänger, die wiederum nur ewiggestrigen Konzepten hinterherlaufen und mit populistisch-degoutanten Parolen auf Wählerfang gehen.
Der Boden, aus dem braune und rote Ungeheuer hervorkrochen, ist fruchtbar noch - unter anderem auch dort, wo der Volkszorn gegen die DDR-Gerontokraten damals ihren Ausgang nahm: in Leipzig und Dresden. Weit mehr als ein Drittel blieb den Urnen überhaupt ganz fern: Eine Demokratie in der Krise.
Und wie reagieren die beiden Volksparteien auf das massive Misstrauensvotum? Die CDU geht stillschweigend über die Schlappe in Sachsen und Brandenburg hinweg, und die SPD beschwört ihre Wiederauferstehung aus den Trümmern. Realitätsflucht allerorten. Und so war es geradezu symptomatisch, dass die Spitzenkandidaten der übrigen Parteien in Sachsen Reißaus nahmen, als der Neonazi-Zampano Holger Apfel vor laufender Kamera über das Deutschtum bramarbasierte. Folge davon war genau der Tumult, den der rechte Recke zu provozieren suchte. Nicht Ausflüchte sind eine geeignete Antwort auf solche Provokationen, sondern Argumente und couragiertes Entgegenstemmen, wie es SPD-Ministerpräsident Matthias Platzeck in Brandenburg exerziert hat. Es hat sich gelohnt für ihn. Gelernt ist gelernt: Als einstiger Bürgerrechtler ist er ein Mann der ersten Stunde.

Rückfragen & Kontakt:

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0002