SPÖ-Herbstklausur (2): Hochkarätig besetztes Podium diskutiert Perspektiven der Bildungspolitik

Eckpfeiler des SPÖ-Bildungsprogramms - Kritik an Kürzungen der Regierung

Wien (SK) Unter der Moderation von SPÖ-Wissenschaftssprecher Josef Broukal diskutierte Montag bei der SPÖ-Herbstklausur ein hochkarätig besetztes Podium - SPÖ-Bildungssprecher Erwin Niederwieser, Elke Gruber, Leiterin der Abteilung für Erwachsenen-und Berufsbildung, Universität Klagenfurt, die Vizerektorin der Universität Klagenfurt, Petra Hesse, der Philosoph Konrad Paul Liessmann und Christoph Zielinsky, Univ. Prof., Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin und Onkologie im AKH Wien -Perspektiven der Bildungspolitik. Kritik kam dabei von allen Seiten an den fehlenden Budgetmitteln für Universitäten und Schulen. Niederwieser erläuterte die zu erwartenden bildungspolitischen Schwerpunkte des heurigen Herbstes und skizzierte einige Eckpfeiler des sozialdemokratischen Bildungsprogramms, das beim Bundesparteitag der SPÖ verabschiedet werden soll. SPÖ-Vorsitzender Alfred Gusenbauer legte in seinem Diskussionsstatement klar, dass die gute Ausbildung an Unis und Hochschulen nationale Aufgabe sei, während die Herausbildung von Elite-Unis europäische Aufgabe sei. ****

Wie der SPÖ-Bildungssprecher betonte, werde es im Herbst einen "Kampf ums Geld" im Doppelbudget 2005/2006 geben. Außerdem seien die Ergebnisse der neuen PISA-Studie zu erwarten - diesmal mit dem Schwerpunkt Mathematik. Niederwieser vermutet, dass sich die Regierung auch diesmal wieder mit einem Platz im unteren Mittelfeld zufrieden geben werde. Dabei wäre es so wichtig, sich die Länder, die besser abschneiden, etwa Finnland, anzusehen; dort gebe es ein wesentlich weniger selektives Bildungssystem als in Österreich: "Es ist zu früh, ab dem 10. Lebensjahr schon in verschiedene Schultypen zu trennen."

Zu den weiteren Themen, die zu einer bildungspolitischen Diskussion führen werden, zählt der SPÖ-Bildungssprecher die Ferienzeiten und die Zukunft der dualen Ausbildung - hier müsse man sich Alternativen wie z.B. Vollzeitschulen mit einem starken Praxisanteil oder eine triale Ausbildung überlegen. Außerdem seien Debatten über die Arbeit der neuen Universitätsgremien, die Bildungsstandards, den Verfassungskonvent und die Lehrerfinanzierung - "wir müssen die Finanzierung auf eine völlig neue Basis stellen" -zu erwarten.

Die SPÖ werde weiter an ihrem Bildungsprogramm arbeiten, um dieses am Bundesparteitag dann beschließen zu können. Insgesamt stehe die SPÖ für den freien Zugang zu allen Bildungseinrichtungen ohne finanzielle und bauliche Barrieren, "aber nicht ohne die erforderlichen Qualifikationen, das heißt Chancengleichheit", für die Integration behinderter oder lernschwacher Kinder, die Ausrichtung auf gute Allgemeinbildung, kulturelle und politische Bildung und ganztägige Bildung. Als Eckpfeiler des Programms nannte Niederwieser:
Schwerpunkt Erwachsenenbildung, massiver Ausbau der Ganztagsschulen, Investitionen in die Qualitätssicherung, europäische Standards in der Aus- und Weiterbildung der Lehrer, Bekenntnis zur Verantwortung des Staates, aber auch mehr Gerechtigkeit für private, nicht-konfessionelle Schulen gegenüber konfessionellen Schulen, Frühförderung der Kinder (im Vorfeld der Schule müssen Kinder die Möglichkeit erhalten, die Unterrichtssprache zu erlernen), gemeinsame Schule bis zum 14./15. Lebensjahr, stärkere Berücksichtigung der kulturellen, musischen, philosophischen und politischen Bildung, Focus auf berufliche Bildung sowie Weiterentwicklung bei den Unis und Fachhochschulen.

Gruber: Vorschläge zum Lebensbegleitenden Lernen

Elke Gruber formulierte vier Thesen zur Verfasstheit der Erwachsenenbildung und präsentierte in der Folge fünf Vorschläge zur Veränderung. Erstens müsse man von Lebensbegleitendem Lernen sprechen, dennoch sei dies aber ein Minderheitenprogramm, u.a. weil die öffentlichen Förderungen erschreckend gering seien. Zweitens müsse man unter Lebensbegleitendem Lernen das gesamte Bildungssystem verstehen, und auch informelles Lernen müsse gefördert werden. Drittens gehe es beim Lebensbegleitenden Lernen immer nur um Anpassungen an Veränderungen, dies sei jedoch kurzsichtig und langfristig auch sehr teuer. Viertens entspreche Lebensbegleitendes Lernen nicht der Gesamtgesellschaft, sondern sei sehr selektiv - es werde v.a. auf den Mittelstand abgezielt. Gruber schlägt vor, eine Balance zwischen individuellem Lernbedürfnis und Beschäftigungsverhältnissen herzustellen. Weiters müsse man Lebensbegleitendes Lernen als System verstehen, dürfe es nicht auf die Erwachsenenbildung reduzieren, sondern müsse alle Bildungseinrichtungen einbeziehen. Die Grundschulausbildung sei auszubauen, und es müsse eine Qualitätsoffensive in der Erwachsenenbildung gestartet werden. In diesem Zusammenhang spricht sich Gruber für die Einführung eines österreichischen Gütesiegels für Weiterbildung aus. Im Bereich Forschung und Entwicklung sollte das Lernen älterer Menschen ein wichtiges Forschungsthema werden.

Hesse zu Unis: Hierarchische Beziehungen abbauen

Petra Hesse appellierte, an den Universitäten die hierarchischen Beziehungen zwischen Lehrenden und Studierenden und zwischen Lehrenden untereinander abzubauen. Sie habe bemerkt, dass die Studierenden in Österreich sich sehr stark an Hierarchien anpassen würden, sie wenig dialogisch arbeiten würden und nur schwer zu kritischen Stellungnahmen motiviert werden könnten. Die StudentInnen würden zu stark nach dem Motto "Leistung gegen Note" agieren, die Grundneugier sei auf ein "kaum mehr wahrnehmbares Maß zurückgestutzt". Die Unis könnten sich aber nur erneuern, wenn in die Strukturveränderungen auch die Studierenden einbezogen werden, so Hesse.

Zielinsky übt scharfe Kritik an mangelnder finanzieller Ausstattung der Unis

Scharfe Kritik an der mangelnden finanziellen Ausstattung der Universitäten übte Christoph Zielinsky. "Es gibt keine ordentliche Wissenschaftsförderung, der FWF hat keine Konzepte, es gibt zu wenig Geld für die Wissenschaft und keine entsprechende Agentur. Es gibt zwar angeblich einen zuständigen Staatssekretär, aber der ist noch nie aufgefallen", so Zielinsky, der davon spricht, dass die Eliten aus Österreich vertrieben würden. "Es gibt kein System, um Eliten und gleichzeitig eine breite Schicht von Akademikern zu generieren." Die Unis seien mit mangelnder finanzieller Ausstattung in die Freiheit entlassen worden. V.a. für den Gesundheitsbereich erwartet sich der Universitätsprofessor eine Kostenexplosion. "Wir sind am Rande. Wenn die Gesundheitsreform nicht endlich in eine vernünftige Richtung gelenkt wird, müssen wir als Gesundheitsland Konkurs anmelden", so Zielinsky der dramatische Zahlen für den Krebs-Therapiebereich ankündigte.

Zielinsky betonte weiters, dass das Bildungssystem in Zusammenhang mit dem Gesellschaftssystem gesehen werden müsse. Unsere Gesellschaft sei derzeit geprägt von Überalterung, finanziellem und sozialem Druck , der besonders auch die Jungen treffe, von verstärkter Integration von Frauen und von Immigranten sowie von der EU-Erweiterung. Das Konzept in Österreich dazu laute: "Nur ja nichts entwickeln, die anderen sollen sich anpassen." Zielinsky ging im besonderen auf die Situation von Akademikern ein, eine "vernachlässigte Schicht", was sich auch in der Nicht-Berücksichtigung in der Pensionsreform zeige. Die Akademikerarbeitslosigkeit sei eine "Verschleuderung von Talenten", insbesondere auch die Arbeitslosigkeit von Fachärzten. "Und wir haben von dieser Regierung ein Dienstrecht bekommen, das die Situation noch verschärft, denn es wird kein Hinterland geboten." Die Einladung zur SPÖ-Herbstklausur bezeichnete Zielinsky als "enormen Fortschritt", er sei sehr froh, teilnehmen zu dürfen.

Liessmann sieht schleichende Privatisierung des Bildungswesens

Konrad Paul Liessmann betonte eingangs, dass nirgends so viel gelogen werde wie in der Bildungspolitik. Als Beispiel dafür nannte er, dass zugleich schlanke Unis mit kurzen Ausbildungszeiten und selbstständige Menschen mit Auslandserfahrung eingefordert würden -"das geht sich beim besten Willen nicht aus". Seiner Meinung nach habe Europa insgesamt eine große Chance verpasst, indem es sich zu stark am amerikanischen Bildungssystem orientiert hat. Liessmann warnte weiters davor, sich in der Bildungspolitik zu stark an Statistiken und Rankings zu orientieren; es müsse vielmehr genau geprüft werden, was abgetestet wird: "Offensichtlich orientiert man sich in der Bildungspolitik aber an Schiranglisten", so der Philosoph, der auch eine "schleichende Privatisierung des Bildungswesen" sieht, würden die Studien doch an externe Beraterunternehmen ausgelagert, was dazu führe, dass "öffentliche Gelder abgesaugt werden".

Bezugnehmend auf die Diskussion um Elite-Unis hielt Liessmann fest, dass er nichts gegen dieses Konzept habe, es könne aber keine Elite-Uni ohne entsprechende Finanzierung aus dem Boden gestampft werden. Er plädiere dafür, die vorhandenen Strukturen zu verbessern und die Stärken auszubauen, um eine Spitze hervorbringen zu können. Zur Lehrer-Ausbildung und den pädagogischen Hochschulen sagte Liessmann, dass es einen Mix aus pädagogischer und universitärer Ausbildung geben müsse - es sei eine "Horrorvorstellung, wenn Lehrer mit 25 an die Schule kommen und es bis dahin nur mit Lehrern zu tun hatten".

Gusenbauer antwortet Liessmann

SPÖ-Vorsitzender Alfred Gusenbauer ergänzte in seiner Stellungnahme bei der Diskussion, dass es wichtig sei, sich bei den Rankings anzuschauen, welche Länder besser sind und was diese besser machen. Finnland etwa sei beispielhaft in der individuellen Begabungsförderung, hier müssen man Rückschlüsse für Österreich ziehen. Bei den Pädagogischen Hochschulen seien die Kritik von SPÖ und Liessmann ident, denn auch die SPÖ teile die Meinung, dass es den engen Kontakt mit den Unis in der Ausbildung geben müsse. Zum Thema Elite-Unis stellte der SPÖ-Vorsitzende klar, dass eine gute Ausbildung an den Universitäten und Fachhochschulen nationale Aufgabe sei, während die Herausbildung von Elite-Unis europäische Aufgabe sei. (Schluss) cs

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