"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wie aus Sausgruber über Nacht ein Sausewind geworden ist" (Von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 20.09.2004

Graz (OTS) - Für alle Österreicher, die östlich des Arlberg wohnen, war bisher der Landeshauptmann von Vorarlberg der Inbegriff von Biederkeit. Herbert Sausgruber spricht langsam und bedächtig, sieht aus wie ein fader Buchhalter und fiel eigentlich nur auf, wenn er, was im Wahlkampf ziemlich häufig vorkam, den Zentralstellen im fernen Wien Verschwendung vorwarf.

Über Nacht ist Sausgruber zu einem Sausewind geworden. Er eroberte bei den Landtagswahlen für die ÖVP mit 55 Prozent eine komfortable absolute Mehrheit, obwohl die Partei seit einem Jahr schwächelt und bei den Landtagswahlen in Oberösterreich, Tirol und vor allem Salzburg herbe Enttäuschungen einstecken musste. Sausgruber hat auf eine Wahlhilfe durch Bundeskanzler Wolfgang Schüssel dankend verzichtet. Die demonstrative Distanz zur Bundespolitik hat sich ausgezahlt.

Wahlergebnisse sind so zu nehmen, wie sie ausgefallen sind. Das trifft auch auf die Wahlbeteiligung zu, die von bisher fast 90 Prozent auf 60 Prozent abgesackt ist. Der Wegfall der gesetzlichen Wahlpflicht hat dem Ländle abrupt den Status eines Musterlandes an Demokratie genommen.

Dennoch ist es aufschlussreich, das gestrige Wahlergebnis in einer längeren Perspektive zu werten. Und da zeigt sich, dass Sausgruber tatsächlich einen großen Sieg errungen hat. Die ÖVP büßte zwar 1999 erstmals die absolute Mehrheit an Mandaten ein, doch kam sie seit 1984 auf kaum mehr als 50 Prozent der Stimmen. Der jetzige Sprung von 46 auf 55 Prozent war eine eindrucksvolle Bestätigung für Sausgrubers Arbeit.

Nicht übersehen sollte man allerdings, dass Vorarlberg das letzte Bundesland war, in dem die vorangegangenen Wahlen noch vor der Wende zur schwarz-blauen Koalition stattfanden. 1999 waren die Blauen unter Jörg Haider überall im Vormarsch. Dass die FPÖ halbiert wurde, ist für Vizekanzler Hubert Gorbach bitter, die Schlappe war jedoch vorhersehbar. Ein neuerliches Ausbrechen des Richtungsstreits wäre das endgültige Todesurteil.

Die in Vorarlberg zur Sekte verkommene SPÖ hat sich mit der sympathischen Spitzenkandidatin Elke Sader erholt. Der Jubel Alfred Gusenbauers, nun sei der "turn around" geschafft und seine Kanzlerschaft in Sicht, ist aber zumindest verfrüht.

Auch die Euphorie der Grünen ist gekünstelt. Mit zehn Prozent blieb man unter den Erwartungen und deutlich hinter Kaspanaze Simma zurück.

Bis zum nächsten Herbst stehen keine Wahlen im Kalender. Das ist auch eine Atempause für die Bundesregierung.

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