"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Mittelmaß ist mäßig" (Von Gabriele Starck)

Ausgabe vom 15. September 2004

Innsbruck (OTS) - Österreich klopft sich zufrieden auf die Schultern, Deutschland übt sich einmal mehr in Selbstzerfleischung. So reagierten die beiden Staaten am Dienstag auf den OECD-Studie "Bildung auf einen Blick". Doch ein einziger Blick auf derartige Ländervergleiche oder die Interpretation einzelner Daten ohne nähere Beleuchtung ist tückisch. Dann hat nämlich auch Österreich Grund zum Katzenjammer: Wir schneiden nämlich in Teilbereichen schlechter ab als unsere Lieblingsnachbarn. Beispiele gefällig?
Im OECD-Schnitt erreichen 32 Prozent einen tertiären, also Uni- oder Fachhochschulabschluss, in Deutschland sind es 19 und Österreich gar nur 18 Prozent. Österreich weist zudem einen Rückgang bei den Studienanfängern seit 1995 auf und liegt hier ebenfalls hinter dem sehr schlecht platzierten Deutschland.
Zugegeben, die Akademikerzahlen in Österreich werden steigen, wenn sich das in anderen Ländern übliche dreistufige Studiensystem auch bei uns durchgesetzt hat. Und der Rückgang der Studentenzahlen ist nicht darauf zurückzuführen, dass die Einführung der Studiengebühren die Jungen von der Uni abhält, sondern dass viele Karteileichen aus den Statistiken gefallen sind.
All dies ist aber keine Entschuldigung dafür, dass Österreich im Hochschulbereich im Schlussfeld und gesamt gesehen nur im Bildungs-Mittelfeld liegt. Mittelmäßig ist eben nur mittelprächtig und vom Durchschnitt ist der Schritt zur Unterdurchschnittlichkeit ein kleiner. Dass Österreich ein ganz anderes Potenzial hätte, in die Bildung seiner Bürgerinnen und Bürger zu investieren, belegt die Studie ebenfalls. Denn die Bildungsausgaben - berechnet pro Schüler bzw. Student - sind zwar im Spitzenfeld angesiedelt, im Vergleich zu den gesamten öffentlichen Ausgaben sind sie aber einmal mehr nur durchschnittlich und gemessen am Bruttoinlandsprodukt seit 1995 sogar gesunken. Da wäre also noch viel möglich.

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