"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Erzwungene Demut" (Von Irene Heisz)

Ausgabe vom 14. September 2004

Innsbruck (OTS) - Kurt Krenn wird zurückgetreten werden. Dass der Vatikan den St. Pöltener Bischof nach oben weglobt und zum Kardinal eines unbewohnten Eilands in der Südsee macht, ist nicht auszuschließen, aber eher nicht anzunehmen.
Manchen mag inzwischen christliches Mitleid mit dem Mann anrühren, dem nichts mehr bleibt, als in erzwungener Demut auf die Nachricht von seiner Hinrichtung zu warten. Vielen allerdings wird das sehr schwer fallen. Denn Krenn hat stets vorsätzlich und rücksichtslos sein reaktionäres Menschen- und Weltbild propagiert: in der Haltung unerbittlich, in der Wahl der (verbalen) Mittel wenig zimperlich. Seine Lust an der medialen Öffentlichkeit hatte ihren Ursprung wohl mindestens so sehr in seinem starken Zug zur Macht wie in seinem missionarischen Eifer. Und er fand Konfrontationen auch dort, wo sie ihm gar nicht angetragen wurden.
Krenn steht vor den Trümmern seiner Karriere und muss sich den Mund verbieten lassen. Das hat er früher selbst gern mit seinen Gegnern getan. Er war das Feindbild liberaler Christen, welche die Gegebenheiten ihres Lebens mit den Anforderungen des Katholizismus in Einklang zu bringen suchten. Und er war die Zielscheibe derer, die ohnmächtige Wut in spöttische Witze über den dicken Bischof kanalisierten. Am Ende ist er zu einer fast tragischen Figur in dem Spiel geworden, in dem er selbstherrlich Regie zu führen glaubte. Jetzt, da sich die Zustände in der Diözese St. Pölten nach 13 (!) Jahren nicht mehr verheimlichen lassen, handelt Rom endlich und wird paradoxerweise für rasches Reagieren gelobt. Doch selbst wenn das schrille Kreischen verstummt, das Notbremsungen immer begleitet, bleibt eine simple Tatsache, die den Männern im Vatikan garantiert Migräneattacken verursacht: Kurt Krenn und seinesgleichen wurden eingesetzt und an der Macht gehalten, um Österreich, das Land der Kirchenvolksbegehrer, zu rekatholisieren. Dieses Experiment ist mit Krenn endgültig gescheitert.

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