"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die 'neuen' Terroristen morden ohne Sinn - aber mit Verstand" (Von Ernst Heinrich)

Ausgabe vom 13.09.2004

Graz (OTS) - Vor hundert Jahren zogen ein paar russische
Terroristen los, um einen verhassten Großfürsten zu ermorden. Doch bald kehrten sie unverrichteter Dinge zurück. In der Droschke, die sie überfallen wollten, hatten neben dem Großfürsten auch dessen Frau und seine Kinder gesessen. Der Gedanke, Kinder zu töten, war für diese Leute inakzeptabel.

Für Terroristen von heute gibt es keine solchen Bedenken. Spätestens seit dem 11. September 2001 ist ihr Vorsatz das Massensterben. Gemordet wird ohne Sinn - aber mit Verstand.

Der deutsche Innenminister Otto Schily hat den Terrorismus gestern als "gefährlichste Bedrohung für die zivilisierte Welt" bezeichnet. Und US-Präsident George Bush - übrigens ebenso wie sein Herausforderer John Kerry - schwor die Amerikaner auf einen "langen, blutigen und opferreichen Krieg gegen den Terror" ein.

Doch einen Sieg gegen diese neue Geißel der Menschheit wird es wohl nicht so bald geben. Denn das Terrornetzwerk El Kaida ist seit jenem 11. September nicht schwächer, sondern stärker geworden. Überraschend schnell haben sich die islamistischen Fanatiker an die neuen Methoden der Terrorbekämpfung angepasst. Sie operieren heute flexibler, dezentraler und in kleinen Zellen.

Osama bin Laden, Symbolfigur und Personifizierung des Terrors schlechthin, hat sich zwar irgendwo im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet verkrochen. Aber das ändert nichts an seiner Gefährlichkeit; allein schon deshalb, weil jeder Tag an dem er in Freiheit lebt, ein Propagandasieg für El Kaida ist, der den Terroristen ständig neue Anhänger beschert.

Die Verelendung der von autoritären Regimen regierten arabisch-islamischen Massen, George Bushs christlicher Neo-Fundamentalismus und Israels fatale Palästinenser-Politik tragen das Ihre dazu bei.

Wie allen totalitären Ideologien ist auch der islamistischen der Mythos von Armageddon eigen. Bin Ladens geistiger Vater Sayyid Qutb sah es so: Das Volk Gottes, die Moslems, sind von Juden und Kreuzfahrern angegriffen worden. Gegen sie wird es einen Weltkrieg geben. Qutb wörtlich: "Der Tod derer, die um der Sache Gottes willen getötet werden, gibt dem Kampf, der durch Blut gedeiht, Schwung." Am Ende sei den Moslems der Sieg sicher.

Der Krieg, der mit der Zerstörung des World Trade Center begann, wird weitergehen - ob ihn der Westen aktiv führt oder sich passiv verhält, ob Säbelrassler George Bush Präsident bleibt, oder mit John Kerry etwas mehr Feinsinn im Weißen Haus einzieht. ****

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