Das Ende der Ära Krenn lässt wichtige Fragen offen

"Presse"-Leitartikel vom 13.9.2004/von Michael Fleischhacker

Wien (OTS) - Outplacement-Experten können die Entfernung des St. Pöltner Oberhirten Kurt Krenn aus dem Bischofsamt als Musterbeispiel in ihre Schulungsunterlagen aufnehmen. Genau so soll man vorgehen, wenn man sich als Unternehmen oder als Organisation von einem Mitarbeiter trennt: Schnell, kompromisslos, transparent. Auf diese Weise wird die Organisation nicht mehr als unbedingt notwendig mit den Unwägbarkeiten einer Übergangssituation belastet - und auch die Würde des Betroffenen, deren Wahrung oft als Motiv für unnötiges Verschleppen ins Treffen geführt wird, nimmt auf diese Weise am wenigsten Schaden. Krenn ist nicht mehr in der Lage, sein Amt auszuüben, also wird dafür gesorgt, dass er es so schnell wie möglich abgibt.
Zur Anerkennung für die Managementleistung, die nach Auffliegen des St. Pöltner Sex-Skandals erbracht wurde, gesellen sich freilich einige Fragen, deren wissenschaftliche Aufarbeitung für eine faire Bewertung des jetzt zu Ende gehenden Abschnittes der österreichischen Kirchengeschichte dringend geboten scheint:
- Bedurfte es wirklich erst des Skandals im Priesterseminar, um zu der Gewissheit zu gelangen, dass Krenn im Interesse der österreichischen Kirche aus seinem Amt entfernt werden muss? Warum hat man sich nicht spätestens im Zuge der "Causa Groër" zur jetzt gewählten Vorgangsweise entschlossen? Wo liegen die Schwachstellen im gesamtkirchlichen Apparat, die man beseitigen müsste, um für die Zukunft zu verhindern, dass derart unerträgliche Situationen für einzelne Teilkirchen so lange ohne Lösung bleiben?
- Bei aller Freude über das Ende des unrühmlichen Kapitels: Wie steht es um die Erforschung des Anfangs? Es ist ja nicht so, dass die Bischofsernennungen, die in den 80er Jahren die österreichische Kirche für fast zwei Jahrzehnte in die Krise gestürzt haben, nur einer vatikanischen Laune entsprungen wären. Allein die schriftlichen und mündlichen Äußerungen des heutigen Nationalratspräsidenten Andreas Khol, der sich damals für eine Korrektur des allzu liberalen Kurses unter Kardinal Franz König ausgesprochen und sich über die parallele Entwicklung des Neokonservativismus in Kirche und Gesellschaft gefreut hatte, wären eine kirchenhistorische Diplomarbeit wert. Nicht um Schuldige ausfindig zu machen - Khols Positionierung hatte damals und hat heute nichts Unehrenhaftes, solange er dazu steht _, sondern um die Ereignisse besser zu verstehen.
- Was die aktuellen Anlassfälle betrifft, so sollte die Kirche in ihrem eigenen Interesse eine offene Diskussion über ihren Zugang zum Thema Homosexualität führen. Sie sollte von einer wissenschaftlichen Untersuchung zu der Frage begleitet werden, ob die Zölibatsverpflichtung die Ausbildung homosexueller Milieus in der Priesterausbildung fördert. Und schließlich braucht es eine gewissenhafte Untersuchung der Ursachen für die große Zahl von Kindesmissbrauchsfällen, in die Priester verwickelt sind. Ohne diese Grundlagenarbeit wird sich der Vertrauensverlust, der in den vergangenen Jahren - nicht nur in Österreich - entstanden ist, langfristig nicht ausgleichen lassen. Auch hier geht es nicht um die Kriminalisierung einer Tradition, die der Kirche wichtig ist, im Gegenteil: Erst die Weigerung, solche Fragen offen und in wissenschaftlicher Unabhängigkeit zu untersuchen, würde einer undifferenzierten Kriminalisierung Vorschub leisten.
Der für die kommenden Tage zu erwartende Schlussstrich unter das Kapitel Krenn ist sicher ein Anlass zur Erleichterung. Gerade jetzt, da die Kirche - nicht zuletzt durch die klugen Auftritte des Wiener Erzbischofs Christoph Schönborn anlässlich des Todes von Thomas Klestil - ihr öffentliches Renommee verbessern konnte, sollte sie es nicht bei der Erleichterung bewenden lassen, sondern sich auch den offenen Fragen angstfrei stellen.

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