"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das absehbare Scheitern" (Von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 12.09.2004

Graz (OTS) - Schlechte Zeiten, gute Zeiten. Fritz Verzetnitsch,
der zur Zeit der Wende von der großen zur kleinen Koalition nur noch der geduldete Ehrenpräsident des Gewerkschaftsbundes war, hat wieder das Zepter in der Hand. Die Machthaber in den Fachgewerkschaften, die hinter dem Rücken des Chefs ihr eigenes Imperium aufbauen wollten, konnten sich nicht einigen. Im Streit zwischen Metallerboss Rudolf Nürnberger und Angestelltenobmann Hans Sallmutter blieb Verzetnitsch der lachende Dritte.

Das Scheitern war absehbar. Die offizielle Begründung, dass die Ehe wegen der Mitgift der in Immobiliengeschäfte verwickelten Angestellten geplatzt sei, ist vorgeschützt. Auch in den drei Jahren der Verlobung kamen sich die Gegenspieler Nürnberger und Sallmutter nicht näher. Die persönliche Abneigung war aber nicht das eigentliche Hindernis. Sondern der Versuch, die ungelösten Strukturprobleme des ÖGB mit einem großen Satz zu überspringen, indem man fünf Einzelgewerkschaften zu einem Block bündelt.

Während sich die Metaller weiterhin auf einen hohen Organisationsgrad stützen, sind die Angestellten zwar die zahlenmäßig größte Einzelgewerkschaft, zugleich aber eine der schwächsten, weil sie nicht einmal ein Drittel aller Angestellten erfasst hat und seit der Konsum-Pleite über keinen durchorganisierten Großbetrieb verfügen. Sallmutter gelingt es zwar, durch seine klassenkämpferische Rhetorik von dieser Blöße abzulenken, doch ist eine eigene Gewerkschaft angesichts der in der Praxis bedeutungslos gewordenen Unterscheidung zwischen Arbeitern und Angestellten ein Überbleibsel vergangener Zeiten.

Dem Thema, wie die aus den Nachkriegsjahren stammende Organisation angepasst werden soll, wird sich der ÖGB wieder stellen müssen. Es ist ohnehin ein Randproblem gegenüber den sonstigen Herausforderungen. Die Reformpolitik zu Beginn des 21. Jahrhunderts steht unter ganz anderen Vorzeichen als zu Beginn der 70er-Jahre. Damals konnte man im überschaubaren Rahmen des Nationalstaates an den Ausbau des Wohlfahrtsstaates schreiten. Heute können sich die Unternehmen weltweit die günstigsten Bedingungen aussuchen und jederzeit mit Abwanderung drohen. Gleichzeitig bringt die Alterung der Bevölkerung das Haus der sozialen Sicherheit zum Einstürzen.

Im Vergleich zu seinen Kollegen in Deutschland, die mit Genossen Gerhard Schröder im bitteren Streit liegen, hat es Verzetnitsch komfortabel. Wolfgang Schüssels Reformen sind moderater. Der ÖGB kann opponieren, ohne sie durch Kampfmaßnahmen verhindern zu wollen. ****

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