"Kleine Zeitung" Kommentar: "So richtig harmonisch lebt nur, wer ein echter Fuffzger ist ..." (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 08.09.2004

Graz (OTS) - Das neue Traum-Alter ist 50 plus. Wer diese Schwelle gemeistert hat und im Öffentlichen Dienst beschäftigt ist, darf mit dem Pensions-Entwurf der Regierung im harmonischen Verhältnis zu sich selbst leben. Mit stattlichen 15 Jahren hat Schwarzblau jene Frist bemessen, innerhalb derer es Menschen, die nie um ihren Job zittern mussten, nicht mehr zugemutet werden kann, ihre Lebensentwürfe den neuen, dramatisch geänderten Verhältnissen anzupassen.

Warum die Regierung die Demarkationslinie für die Angleichung der Pensionssysteme von 55 auf 50 herabgesetzt hat, bleibt eines der großen Rätsel und Ärgernisse des Entwurfes.

Natürlich gilt das Gebot des Vertrauensschutzes, aber muss man diesem auf so provokant großzügige Art Folge leisten, dass man damit alle Jüngeren vor den Kopf stößt und ihnen ebendieses Vertrauen in die Gerechtigkeitskompetenz des Staates entzieht? Ihr Pech ist: Sie stellen nicht die Mehrheit der Wähler, fünfzig plus schon.

Die Regierung wird die Senkung der Altersgrenze für die Harmonisierung vermutlich als verfassungsrechtliche Notwendigkeit ausschildern; man habe als gebranntes Kind Vorsicht walten lassen müssen.

Eigenartig ist nur, dass dieselbe Regierung beim heiklen Hackler-Thema quickfidel mit beiden Händen auf die Herdplatte griff:
Für Schwerarbeiter soll es Erleichterungen geben, aber die wichtigste Frage, wer denn nun vor dem Gesetz ein schwer Arbeitender ist, blieb ungelöst und kann nur in definitorische Willkür münden.

Vom administrativen Irrwitz ganz zu schweigen: Welche Sherlocks sollen denn bitte überprüfen, bei welchem Antragsteller ab wann seinerzeit am Fließband Schweiß floss und ab wann die Perlen auf der Stirn versiegten?

Dass die Regierung als erste ernsthaft versucht, die Asymmetrien zwischen den beiden historisch gewachsenen Pensionssystemen zu beseitigen, ist ein Verdienst, dem man die Anerkennung nicht versagen sollte. Die Aufgabe ist titanisch, die Richtung stimmt, aber am Ziel, wie das die schwarzblaue Reklame vollmundig vorgibt ("vollkommenes Werk"), ist man noch lange nicht.

Da wären die Abfederungen, die man sich um des koalitionären Friedens willen abrang: Die Jüngeren werden sie bezahlen müssen. Da wären die Bauern und Gewerbetreibenden, wo von einer Harmonisierung keine Rede sein kann; und da wäre die Heerschar der Landesbeamten: sie durften sich das Gezerre um die Angleichung der Pensionen bisher entspannt von der Galerie aus anschauen.

Wer führt sie in die Arena? ****

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