"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Masse in der Klasse" (Von Irene Heisz)

Ausgabe vom 7. September 2004

Innsbruck (OTS) - Die Österreicherinnen gebären bekanntlich (zu) wenige Kinder. Und die Konsequenzen daraus werden nicht erst sichtbar, wenn die Kinder erwerbsfähig werden und in den Generationenvertrag einsteigen sollen, sondern spätestens sechs Jahre nach der Geburt.
Nun könnten naive Eltern annehmen, dass es abseits großer Überlegungen zur Bevölkerungsentwicklung von Vorteil für hoffnungsfrohe Taferlklassler sein müsste, in kleineren Gruppen unterrichtet zu werden. Die Volksschullehrerin (oder in Einzelfällen der Lehrer) kann sich um Stärken und Schwächen des einzelnen Kindes logischerweise besser kümmern, wenn sie nicht 30, sondern vielleicht nur 13 Kinder zu betreuen hat. Zumal die Schule, das ist sattsam bekannt, immer mehr Erziehungsaufgaben übernehmen muss. Zumal die Zahl der verhaltensauffälligen Kinder ebenso steigt wie die Zahl jener, die kein Wort deutsch können, wenn sie in Österreich eingeschult werden.
Tatsächlich werden Pflichtschulklassen erst ab dem 31. Kind geteilt. In der Praxis bedeuten weniger Volksschüler also weniger Klassen, aber nicht weniger Kinder pro Klasse. Das macht sich zwar gut im Budget der Bildungsministerin: Kosten durch arbeitslose Lehrerinnen scheinen woanders auf und Junglehrerinnen ohne Job nicht einmal in der Arbeitslosenstatistik. Aber Schulpolitik, die nach dem Prinzip Masse statt Klasse funktioniert, produziert zwangsläufig jene Art von Pflichtschulabsolventen, über deren Bildungsniveau potenzielle Lehrherren verzweifeln.
Selbstverständlich muss darüber diskutiert werden dürfen, ob es volkswirtschaftlich vertretbar ist, Kleinstschulen mit zehn Kindern zu erhalten. Und man muss auch über die Zahl der Arbeitsstunden reden dürfen, die einer Lehrerin zumutbar sind. Unterm Strich interessiert - Eltern wie Wirtschaft! - aber nur eines: Ist die fachlich und menschlich bestmögliche Betreuung der Kinder gewährleistet? Derzeit eher nicht.

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