"Kleine Zeitung" Kommentar: "Mit der Logik der Gewalt kann Putin den Horror nicht bannen" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 04.09.2004

Graz (OTS) - Die tschetschenischen Terroristen haben den
Nervenkrieg verloren, aber das Grundkonzept ihres monströsen Verbrechens ist aufgegangen: größtmögliche emotionale Erschütterung und Lähmung, indem man nicht mehr Züge, Flugzeuge oder Theatersäle zur Explosion bringt, sondern schutzlose, entkleidete Kinder vor den Augen der Welt durch die Hölle schickt. Und als wäre das Unfassbar nicht bedrückend genug, werden der Öffentlichkeit auf der Täterseite Witwen als Killermaschinen vorgeführt, die in ihrer Heimat alles verloren haben, den Tod nicht mehr fürchten und wie Kampfhunde abgerichtet wurden.

Noch lässt sich nicht gültig sagen, ob der schweigende Putin das Erstürmen der Schule befohlen und damit das Risiko eines Massakers erneut in Kauf genommen hat, oder ob der Angriff ein Produkt des Zufalls war, erzwungen von der Dramaturgie des Augenblicks, wie dies Moskau behauptet.

Die Informationspolitik des Kreml glich verdächtig jener nach dem verhängnisvollen Sturm auf das Moskauer Musicaltheater: Erst die propagandistische Erfolgsmeldung, dann der Schleier, am Ende zögerliche Zugeständnisse über das Ausmaß des Geschehenen.

Als "Erfolg" kann Putin die Befreiung angesichts der Opferbilanz, die sich stündlich verdüsterte, nicht ausweisen; dennoch dürfte die Begrenzung des Blutzolls - gemessen an dem, was an Unheil möglich schien - sein politisches Überleben sichern. So zynisch sind Relativitätsrechnungen.

Auch der Umstand, dass Araber unter den Tätern waren, kommt Putin zupass: Er kann somit seine El-Kaida-Platte auflegen und behaupten, sein Unterwerfungskrieg gegen die Tschetschenen sei ein Abwehrkampf gegen die Hydra des internationalen Islamismus.

Das ist ein Täuschungsmanöver für sonnige Gemüter wie Gerhard Schröder, der die manipulierte Wahl in Tschetschenien als "störungsfrei" rühmte. Nein, hier lautet die Frontstellung nicht:
westliche Werte gegen islamistischen Fundamentalismus. Dieser Konflikt ist hausgemacht. Seit über 200 Jahren unterjocht Moskau die Völker im Kaukasus; jeder Versuch, sich zu erheben, ist mit brachialer Gewalt erwidert worden. Eine devastierte, niederkolionalisierte Region, in der Menschen ohne jede Hoffnung und Perspektive heranwachsen, bildet den Nährboden für Hass und Radikalität.

Das kann nie das Sodom und Gomorrha erklären, das in Beslan angerichtet wurde. Aber wenn Putin seinen Tschetschenien-Kurs nicht überdenkt, wird der Horror nur eine Atempause nehmen. ****

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