"Kleine Zeitung" Kommentar: "Auch nach den überlangen TV-Spots steht es fifty-fifty" (Von Peter W. Schroeder)

Ausgabe vom 02.09.2004

Graz (OTS) - Wenn heute der Nominierungsparteitag der Republikaner zu Ende geht, bleibt die bohrende Frage: Was hat es dem schon vorher feststehenden Präsidentschaftskandidaten George W. Bush gebracht? Unmissverständliche Antwort: Das mag der Himmel wissen und die um Aufklärung bemühten Meinungsforscher werden es auch nicht so schnell herausfinden.

Wie schon der Parteitag der John Kerry-Demokraten in Boston war auch George W. Bushs republikanischer Konvent ein überlanger Fernseh-Werbespot für den jeweiligen Kandidaten. Allerdings ohne Auswirkung. Die Parteitagsspektakel haben keinen Kandidaten einen "Durchbruch" beschert. Beide liegen jeweils knapp unter 50 Prozent Wählerzuspruch, was historisch betrachtet für Bush eher schlimm ist. Denn in der US-Geschichte ist noch kein Präsident wiedergewählt worden, der zur Zeit seiner erneuten Nominierung nicht mindestens 50 Prozent auf sich eingeschworen hatte.

Aber die Erfahrung der Vergangenheit taugt nicht mehr für Prognosen:
So tief gespalten wie jetzt war Amerika allenfalls in den fernen Gründerjahren des Landes, die Zahl der derzeit Unentschiedenen war noch nie so klein.

Auf beiden Parteitagen wurde deshalb um die "Wähler der Mitte" gerungen. Gleichzeitig bemühten sich Kerry wie Bush, die Stammwähler bei der Stange zu halten. Die Demokraten bedienten unauffällig die linken Liberalen und die Republikaner etwas weniger unauffällig die religiöse Rechte. Das geriet dann in beiden Fällen zum Spagat zwischen eigentlich unvereinbaren Lippenbekenntnissen. Dabei hatte es der zumindest noch nicht regierende Kerry, der viele Versprechungen machen konnte, etwas leichter als Bush.

Mit einer geschickten Parteitagsregie ist es den Republikanern dennoch gelungen, praktisch alle Negativ-Posten wie die menschlichen und finanziellen Folgen des Irak-Krieges und die gesamte Wirtschafts-und Sozialpolitik auszuklammern oder schönzureden. Fazit: Ungefähr die Hälfte der Wahlberechtigten ist davon überzeugt, dass der Kampf gegen den Terrorismus das Hauptproblem der amerikanischen Gegenwartspolitik ist.

Der amtierende Präsident wird alles daran setzen, einen Prioritätenwechsel in der Wahlauseinandersetzung zu verhindern. Denn Bush weiß so gut wie Kerry: Wenn nur zwei Prozent der Wähler zu der Ansicht kommen, dass die Wirtschafts- und Sozialprobleme des Landes wichtiger als ihre Angst vor dem Terror sind, dann wird es einen Machtwechsel in Washington geben. ****

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