"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Mut zur Wahrheit" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 2. September 2004

Innsbruck (OTS) - Ehrlich, die Herren haben Mut: Robert Holzmann, Weltbank-Direktor, und Rainer Münz, ausgewiesener Experte für Demographie, raten Europa, sich offen dem Thema Einwanderung zu stellen. Im Klartext: Migration nach Europa zuzulassen. Sie sprechen damit ein Thema an, um das die Politik einen weiten Bogen zu schlagen pflegt. Ihre Aussagen trafen sie an einem geeigneten Ort, dem Europäischen Forum Alpbach.
Tatsächlich braucht Europa, will es seine Wohlfahrtsstaaten erhalten, Nachwuchs, sprich arbeitende Zahler. Anders sind die umlagefinanzierten Pensionssysteme nicht zu sichern. Bezugnehmend auf ihre demnächst als Buch vorliegende Expertise rechnet etwa Holzmann vor, dass Europa bei der derzeitigen Einwanderung bis Mitte des Jahrhunderts rund 50 Millionen Arbeitskräfte weniger haben wird. Folgerichtig sollte die Politik daher die Asyl- von der Einwanderungsdebatte trennen. Asyl ist eine Frage der Humanität, Einwanderung eine der Gestaltung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen. Und hier beginnt die Sache zu haken, völlig losgelöst von den sachlichen und plausiblen Berechnungen der Experten. Denn schon derzeit gibt es nicht genutzte Arbeitskräfte, nämlich Arbeitslose. Deren Beschäftigung ist nicht nur eine Frage ihres Könnens und Wollens, sondern auch eine der Möglichkeiten. Und die sehen so aus, dass junge, flexible und vor allem kostengünstige Arbeitskräfte gefragt sind. Das mag zynisch sein, ist aber Folge eines Wirtschaftssystems, dessen Unternehmen im Wettbewerb und damit unter enormen Kostendruck stehen.
Diese Themen sind anzusprechen, Fragen nach der Gestaltung dieser Bedingungen sind zu beantworten. Die aufgewühlte Debatte um Ausländer und Asylanten schafft für dieses Thema ein schwieriges Umfeld, enthebt die Politik aber nicht der Pflicht, es aufzugreifen. Die Fachleute haben übrigens zum Mut auch noch Argumente in der Sache.

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